Am Rande des Wahnsinns oder: Verbündet euch!

Mülltonnen für geschrottete Texte

Einen Text zu überarbeiten ist unter Umständen langwierig. Manchmal erscheint es befreiender, ihn wegzuhauen, als weiter daran herumzuwerkeln.

Um ein Haar hätte ich vergangene Woche mein Romanprojekt „Trywwidt“ gelöscht. Der Finger schwebte schon über dem markierten Ordner.

„In den Papierkorb legen“ und „Papierkorb vollständig leeren“ – zwei Klicks, die innerhalb einer Sekunde drei Jahre Arbeit und 500 Taschenbuchseiten geschrottet hätten. Endlich wäre ich es los gewesen, hätte wieder Zeit gehabt für das richtige Leben wie Familie, Job, Kater, Bügelwäsche und den ganzen anderen Kram. Zum Beispiel für eine aufgeräumte Wohnung, in der man auf den ersten Griff das schnurlose Telefon findet.

Im Grunde ist der Text fertig. Ich kann eigentlich nichts mehr für ihn tun. Wobei „eigentlich“ bedeutet, dass in diesem ganz konkreten Fall nun mal die Rechtschreibprüfung fehlt, die ich allein nicht hinbekomme. Außer, die Autorin wäre so etwas wie ein Genie, das erst gar keine Fehler in den Text reinschreibt, weil Fehlermachen unlogisch ist. Leider bin ich kein Genie. Deshalb müsste jetzt ein Korrektor ran, jemand, dem es wehtut, wenn er über Grammatikgeschwüre und exotische Kommaexperimente stolpert, dem Orthografiespitzen sofort ins Auge pieksen. Doch gegen das Anheuern eines Profis sprechen Umstände, die ich hier lieber nicht näher erläutern möchte*.

Wie durch ein kleines Wunder – naja, vielleicht auch kein Wunder, wo ich doch tagelang das Internet vollgeweint hatte – haben sich inzwischen mehrere hilfreiche Augenpaare gefunden, die den Text auf Fehler prüfen. Die ersten Korrekturen sind schon eingetrudelt. Neben den erstaunlich wenigen angestrichenen Tippfehlern – eine Tatsache, die mich misstrauisch werden lässt, denn es gibt Menschen, die mich für eine heimliche Legasthenikerin** halten – überwiegen die Fragen zum Stil des Textes – ein Arbeitsschritt, den im Leben eines Verlagsautors*** ein Lektor übernehmen würde. Interessanterweise markiert dabei jeder Prüfer etwas anderes. Wenn ich solche Markierungen an besonders textrelevanten Stellen entdecke und die anderen Mitprüfer frage, ob sie das ebenfalls als störend empfinden, erhalte ich Antworten wie: „Nee, das finde ich gerade gut.“ oder: „Das ist okay. Lass das so.“

Diese Antworten verunsichern und beruhigen mich gleichermaßen. Ich ziehe daraus den Schluss, dass der Text halbwegs akzeptabel ist, dass es aber immer noch Möglichkeiten gibt, ihn zu verbessern. Nur dass eben jeder Leser unter Umständen etwas anderes darunter versteht.

Das bringt mich auf eine Idee: Vielleicht könnte ein Text mit einem kleinen technischen Kniff sämtlichen unterschiedlichen Lesegeschmäckern gerecht werden. Wie wäre es, wenn der E-Reader eine Text-Hirn-Verbindung aufbaut und der Roman sich während des Lesens an die individuellen Wünsche anpasst? Klasse wäre das! Eine eine echte Innovation für den zukünftigen Kinder Paperbright 2031. Ich merke schon: Ich sollte ganz schnell zum Telefon greifen und über meine supergeniale Idee mit den einschlägigen Anbietern verhandeln. – Ach, Mensch! Wo ist schon wieder das Telefon abgeblieben?

Noch etwas Sinnvolles zum Schluss

Kurz, nachdem ich diesen Beitrag hier fertig geschrieben hatte, stieß ich auf einen taufrisch veröffentlichten Text (Titel: Lektorat & Korrektorat für arme Schlucker) der Indie-Autorin Daniela Rohr. Den möchte ich hier gern verlinken, da die Autorin darin das Thema für Indie-Autoren (vor allem für solche, die Sternchen Nr. 1* leider nicht erfüllen) aufgreift und Alternativen aufzeigt. Dem kann ich mich nur anschließen. Verbündet euch! Sucht euch vertrauenswürdige Leute, die euern Text unter die Lupe und mit konstruktiver Kritik in die Mangel nehmen. Mein Tipp: Schaut mal ins Autorenforum bei den eWriters rein, unter www.ewriters.eu. Bedenkt dabei: Es ist ein gegenseitiges Nehmen und Geben. Aber es bringt einen auf jeden Fall weiter, als wenn man ganz allein vor sich hinwurschtelt.

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*) Nur zur Sicherheit, falls mir nahestehende Menschen mitlesen sollten, die sonst wieder sagen: „Selbst schuld. Warum hast du keine Banklehre gemacht oder wenigstens Medizin studiert?“ Ja, ich weiß, oder einen Zahnarzt geheiratet oder den Handwerksmeister mit der eigenen Firma, der immer so schöne Blumensträuße mitgebracht hatte. (Ich geb’s zu. Den hab ich mir jetzt ausgedacht.)

**) Ein Wort, das ich jedes Mal nachschlagen muss.

***) Oder eines Indie-AutorINs, die/der/das (Ich übe gerade das Gendern.) im Gegensatz zu mir auf die Familie gehört und sämtliche unter Sternchen Nr. 1* aufgeführten Punkte gewissenhaft abgearbeitet hat.