Wider den Hexenglauben

Eine Frau mit rötlich schimmerndem Haar, die mit Hilfe von Magie und Hexenkraft quasi über Nacht reich geworden ist, die ist verdächtig. Kein Wunder, dass inzwischen massenhaft ihr Tod gefordert wird. Dass das mal ausgerechnet J. K. Rowling passieren würde, hätte ich nie gedacht.

Wobei ihre Kinderbücher rund um den Zauberlehrling mit der dicken Brille schon in der Vergangenheit zum Hassobjekt wurden. Damals von spaßbefreiten Kirchenvertretern, die darin ein Werk des Teufels sahen. (Die letzte religiös motivierte Harry-Potter-Bücherverbrennung hat in Polen im Frühjahr 2019 stattgefunden, sagt Google.)

Heute ist es die aufgeklärte Jugend, die zur Hexenjagd bläst. Vor allem die, die einst diese Bücher liebten und die nun beschlossen haben, dass sie wohl doch Teufelswerk sein müssen. Wenn ich die Tweets und Blogbeiträge richtig interpretiere, werden die Bücher Zeile für Zeile auseinandergenommen und überall wird irgendwas Rassistisches, Faschistisches, Antisemitisches, Homophobes und Transfeindliches entdeckt. Ein bisschen erinnert es mich an die urbanen Legenden aus den Siebzigern und Achtzigern, wo es hieß, man müsse nur dieses oder jenes Album dieser oder jener Metallband rückwärts abspielen und dann kämen da Teufelsbeschwörungen aus dem Lautsprecher.

Nach meinem Verständnis ist ein Roman ein fiktives Werk. Eine Art Märchen für Kinder oder Erwachsene, in dem mit Möglichkeiten gespielt wird. Auch Werke der Unterhaltungsliteratur sind ein Stück Kunst. Kunst, die frei sein muss, die Möglichkeiten im Hellen wie im Finsteren des menschlichen Daseins ausloten dürfen muss, ohne dass jemand beim Schaffensprozess im Nacken sitzt und dem oder der Schreibenden erlaubt, was diese Person schreiben darf und was nicht. Oder über wen sie schreiben darf oder über wen nicht.

Und Autor!nnen sind letztlich auch nur Menschen und keine Heilige. Ihre Auffassungen lassen sich, wie so vieles andere auf der Welt, nicht klar in „Gut und Böse“ aufteilen. Zwischen diesen beiden Polen gibt es sehr viel Grau in allen Abstufungen. Dessen Nuancen ändern sich auch mit den Jahren, da beispielsweise die Wissenschaft fortschreitet und neue Erkenntnisse zu bestimmten Themen in die Diskussion wirft. Oder andere Erkenntnisse als nicht länger haltbar zurücknimmt. Oder sich der gesellschaftliche Konsens zu bestimmten Themen ändert. Ich denke, Bücher sollten auch immer im zeitlichen Kontext betrachtet werden, in dem sie entstanden sind.

Nach meiner Auffassung von Kunstfreiheit müssen Autor!nnen nicht zwingend in absolut jedem ihrer fiktiven Werke für eine bessere Welt einstehen und nur blütenreine Mustermenschen durch die Zeilen schweben lassen, bei denen alles supi läuft und die Vögelein zwitschern.

Eine Gesellschaft, die solches fordert, ist ganz schnell dabei, Bücher zu zensieren und irgendwann zu verbrennen. (Auf TikTok gibt es schon Videos von brennenden Harry-Potter-Büchern, hab ich grad gesehen). Ich kann nur sagen: Wer Bücher aus ideologischen Gründen verbrennt, verbrennt auch irgendwann Menschen. Das lehrt uns die Geschichte auf unvorstellbar entsetzliche Weise. Ich will alles dafür tun, das so etwas nie wieder passiert.