Viel zu still

Eine Geschichte für das Projekt „Phantastischer Montag“, geschrieben von Klara Bellis, inspiriert vom Song „Still“ von Jupiter Jones (und von Einhornis Monsterehepaar)

Hey du, unbekannterweise, seit ich deinen Klamauk nicht mehr lesen kann, ist es oft viel zu still. Leider. (Übrigens, ich habe eine Monstergeschichte geschrieben. Du erinnerst dich? Dein legendäres Monsterehepaar unterm Bett?)
Schlaf gut in der immer währenden Stille, Einhorni.

Halle im Juli 2021

* * *

Irgendetwas fehlte. Wenn sie nur wüsste, was. Frau Monsterin fütterte die Staubmäuse, die sich ängstlich in die Ecke drückten. Ihre missmutige Stimmung färbte auf die sonst so frechen Grautiere ab. Selbst die dicke Spinne zog sich in ihren Winkel zurück, verkroch sich in dem silbergrauen Gespinst, das ihre Wohnstatt war. Die würde sie heute nicht mehr melken können. Verflixt und zugenäht! Dabei war das Spinnengift fast alle und sie brauchte dringend welches, um Fusselkuchen zu backen. Seit einer knappen Woche ging das schon so. Die Spinne verhielt sich, als wäre sie gestresst oder als hätte sie Ohrensausen. Besaßen Spinnen überhaupt Ohren?

Frau Monsterin ließ sich auf den Apfelgriebs sinken, der ihr als Sofa diente. Irgendwas stimmte nicht. Aber was? In ihrem Inneren wirbelte eine nie gekannte Unruhe. Dabei hätte sie glücklich sein müssen. Endlich war ihr größter Wunsch in Erfüllung gegangen: der Wunsch nach Stille, nach absoluter Ruhe. Und dann der Fusselkuchen! Einen ganzen Fingerhut voll würde sie backen – und sie würde alles aufessen. Alleine. 

Alleine! Frau Monsterin klatschte sich mit der behaarten Pranke gegen die nicht minder behaarte Stirn. Warum war ihr das nicht früher eingefallen? Genau da lag das Problem, das ihre Lebensfreude niederdrückte: Herr Monster war weg, abgehauen, weil sie ihn höchstpersönlich verscheucht hatte. Sein Gequassel hatte ihr die Nerven zerrüttet. Brauchte sie doch Ruhe. Absolute Stille, um ihre Gedanken zu sortieren.

Monsterseelenalleine hockte sie unter dem Bett des Menschenkindes, das in dem Zimmer hauste, in dem sie Untermieterin war. Sämtliche Gedanken waren längst sortiert. Kein Wunder bei den höchstens drei oder vier Gedanken, die ein Monster – und auch eine Monsterin – maximal beschäftigen. Und die drehten sich meistens ums Essen, Schlafen, unterm Bett Rumpeln und vielleicht – ganz manchmal – um die Liebe. Oh ja, die monstermäßige Monsterliebe. Frau Monsterin seufzte herzerweichend, auch wenn der Seufzer nur ihr eigens Herz erweichte, denn Herr Monster war ja verschwunden. Und sein Herz hatte er mitgenommen, der Schuft!

Und jetzt summte die Stille zwischen ihren Ohren und sie hätte sonst was dafür gegeben, Herrn Monster wieder bei sich zu haben. Einen ganzen Fingerhut voll Fusselkuchen, wie sollte sie das jemals alleine aufessen? Tja, wenn Herr Monster hier wäre, dann … Ein weiterer Seufzer ergänzte ihren abgebrochenen Gedanken. 

Etwas raschelte hinter ihr. Sie drehte sich um und schaute in die acht äußerst genervt dreinblickenden Augen der Spinne. Wahrscheinlich hatte das treue Tier wirklich Ohrenschmerzen, auch wenn sie keine Ohren an dem schwarzhaarigen Achtbeiner entdecken konnte.

Da fiel ihr Blick auf das Schneckenhaus, ein Geschenk von Herrn Monster. Der Gedanke daran pikste ganz merkwürdig in ihrem Herzen. Sie erhob sich vom Apfelgriebssofa, nahm das feingeschwungene Gehäuse in die Hand und hielt es ans Ohr. Es rauschte. Heute schien guter Empfang zu sein. Sie führte es an den Mund. „Hallo?“, sagte sie zaghaft. „Hörst du mich?“ 

Keine Antwort. War ja klar. Zumal sie genau wusste, dass ein leeres Schneckenhaus nicht zum Telefonieren taugte. Das Rauschen war das eigene Blut – oder was auch immer. Im Grunde nichts weiter als Stille, die sich wichtig zu machen versuchte.

Lustlos schlurfte sie zum Fingerhut, der ganz weit hinten unterm Bett an der Wand lehnte. Das Kleinod aus Weißblech war ein Überbleibsel aus der Zeit, als hier das Menschenweibchen ihr Nähzimmer hatte. Dann kam das quengelige Menschenjunge auf die Welt und das Weibchen musste ihr Zimmer abtreten. 

Ihr sollte es egal sein. Unter einem Kinderbett lebte es sich dreimal so gut wie in einem Nähkorb mit all den piksigen Nadeln. Nur seit etwa fünf Tagen war gar nichts mehr gut. Seitdem war es still. Viel zu still und sie allein war schuld daran. Ach, hätte sie sich doch bloß nicht über das ständige Gequassel aufgeregt. Aber das hatte sie mindestens so genervt, wie die Spinne derzeit dreinschaute. Wie konnte eine Spinne nur so übermüdet aussehen? Nachdenklich kratzte sich Frau Monsterin die haarige Stirn. Sie nahm den Fingerhut an sich und füllte ihn mit den Fusseln, die die gefräßigen Staubmäuse übersehen hatten. 

Auf dem Rückweg zum Apfelgriebssofa stolperte sie über das Schneckenhaus. Sie ergab sich der Versuchung, es noch einmal ans Ohr zu halten. Das Rauschen war nichts als flüsternde Stille. Trotzdem führte sie es wieder an die Lippen und hauchte: „Hallo, es tut mir leid.“ Sie schniefte eine Träne weg. „Ich will Fusselkuchen backen. Und ich weiß gar nicht, für wen ich den backe, weil, du bist ja nicht da und ich bekomme davon Sodbrennen und …“ Sie lauschte in das leere Rauschen.

„Fusselkuchen?“, hörte sie es flüsterleise, wie aus weiter Ferne. „Der richtig leckere mit den original Fusseln von Kindersocken und Plüschtieren?“

Erschrocken nahm sie das Schneckenhaus vom Ohr. Die Stille nagte ihren Verstand an, hörte sie doch schon Stimmen, die es gar nicht gab. „Ja, genau den“, sagte sie zu sich selbst. „Ich habe sogar Teppichfusseln im Wohnzimmer gepflückt.“ Sie hielt das Schneckenhaus wieder ans Ohr. Zwischen das Rauschen mischte sich ein „Oh!“ und ein „Ah!“ Die Spinne raschelte mit ihren acht Beinen über die Tapete, als wollte sie ihre schlechte Laune durch sportliche Betätigung loswerden.

„Hallo?“, rief Frau Monsterin nun etwas energischer ins Schneckenhaus. „Herr Monster, bist du das?“ Rauschende Stille war die Antwort. „Falls du mich hören kannst“, rief sie, so laut sie konnte, „dann sollst du wissen, dass es mir furchtbar leidtut. Du bist gar kein oller Quasselkopp, du bist mein liebster, knuffligster, monströsester Herr Monster. Und ich vermisse dich monstermäßig.“

„Also bei Teppichfusseln kann ich nicht widerstehen“, wisperte es zerknirscht aus der Spinnenhöhle.

Erschrocken ließ sie das Schneckenhaus fallen. In das feine Gespinst im Zimmerwinkel kam Bewegung. Zuerst zitterte es nur, dann schaukelte und ruckelte es derart heftig, als würde es gleich zerfetzen. Die Spinne wendete sich genervt ab und versuchte, den Kopf zu schütteln, auch wenn ihr das anatomisch vollkommen unmöglich war. Aus dem Fangtrichter kam Herr Monsters zerzauster Haarschopf zum Vorschein, darauf folgte der Rest der rundlichen Gestalt. Mit einem Jauchzer auf den Lippen flog Frau Monsterin ihrem Monstermann entgegen und schloss ihn in die Arme. 

„Es tut mir so leid“, flüsterte sie in sein spitzes Ohr. „Ich wollte doch nur meine Gedanken sortieren und du hast die ganze Zeit …“

„… gequasselt“, sagte Herr Monster. „Das tut mir ja auch leid. Vielleicht sollten wir in Zukunft …“

„… den einen quasseln und die andere sortieren lassen, ohne Zank und Streit.“

„Genau!“ Herr Monster küsste sie auf die haarigen Lippen. „Und jetzt helfe ich dir beim Fusselkuchenbacken. Ich hab so einen monstermäßigen Hunger. Vertrocknete Fliegenbeine machen auf Dauer nicht satt.“ Wie aufs Stichwort zerschnitt ein monströses Magenknurren die nahezu perfekte Stille unterm Bett.

Frau Monster schaute dankbar zur Spinne, bei der Herr Monster die letzten Tage gewohnt hatte. Die sah sichtlich entspannter aus, als hätte sie endlich den einen oder anderen Gedanken sortieren können. Dabei wusste ein jeder, dass sich die Gedanken der Spinnen höchsten ums Essen, Schlafen und manchmal auch um die Liebe drehten. Wobei Frau Monster besser nicht daran denken wollte, was mit den Spinnenmännern geschehen war, die der Spinne in den letzte Jahren ihre Liebe gestanden hatten. Denn auch bei Spinnen ging die Liebe durch den Magen, nur etwas weniger metaphorisch als bei Monstern. Nein, sie dachte lieber an Herrn Monster, den Fusselkuchen und die Totenstille, die sich endlich verflüchtigt hatte.

Mehr Infos über den Phantastischen Montag:

Vier Autoren (m/w/d) veröffentlichen jeden Montag im Monat eine Kurzgeschichte. Manchmal hat ein Monat aber fünf Montage. Deshalb wurde ich nach einer Geschichte gefragt. Und die habt ihr gerade gelesen.

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