Still

Sterbende Lilienblüte

Jetzt kommt eine vermutlich völlig verunglückte Kurzgeschichte. Sie entstand ursprünglich für ein Online-Projekt, initiiert von Fantasyautoren (m/w/d). Die Aufgabe bestand darin, inspiriert von einem Song eine Kurzgeschichte zu schreiben. Ich hatte den Song „Still“ von Jupiter Jones auf dem Zettel. Ich bin derzeit sehr finster drauf, weshalb ich mir unsicher war, ob man den Text anderen Menschen zumuten kann. Deshalb gab ich die Geschichte an zwei Testleser (m/w/d). Der erste Testleser fand die Geschichte gar nicht mal so schlecht, meinte aber, ich könnte Ärger bekommen. Ein zweiter Testleser, vor seiner Zeit bei Twitter ein glühender Verfechter der Meinungs- und Kunstfreiheit, reagierte gereizt auf den Text und riet davon ab, ihn zu veröffentlichen. Um niemanden reinzureiten, schrieb ich für das Projekt der Autoren einen neuen, hoffentlich vollkommen harmlosen Text und stelle diesen verunglückten Text hier auf meine Webseite.

Stille

Still. Ich halte dich in meinen Armen. Wo sind sie hin, dein Lachen, dein Herzschlag? So still …

„Rede endlich!“ Der Gesprächsführende Nummer zwei schaut mir fest in die Augen. „Du hast ein verbotenes Buch gesehen. Sprich, sonst dauert das hier noch die ganze Nacht.“

„Gesprächsführende“, so nennen sie sich. Geschlechtsneutral, unverfänglich. Es klingt harmloser als das alte, das verbotene Wort, das du mir verraten hast: Folterknechte. Ich vermute, dass es sich beim Gesprächsführenden Nummer zwei um einen Mann handelt: großgewachsen, breitschultrig, markantes Kinn. Seine kreischende Stimme zerschneidet meinen Tagtraum, der in Fetzen davonfliegt: unsere letzte Begegnung, dein fragendes Lächeln. Dann dieser gewisse Kuss. Hätte ich das vorher geahnt, ich wäre niemals deiner Einladung gefolgt.

„Das Buch, es ist in der alten Sprache geschrieben.“ Die kalten Augen der Gesprächsführenden Nummer eins bohren sich wie Speere aus Eis in mein Gewissen. Ich vermute in dem schlanken Wesen eine Frau, bin mir aber unsicher. „Diese Sprache greift die Gedanken an.“ Ihre zuckersüße Stimme trieft vor geheucheltem Verständnis. „Es ist eine böse Sprache. Wir haben sie nicht ohne Grund überwunden.“ Sie sagt „überwunden.“ Du hättest „ausgerottet‘“ gesagt. Ein Wort, das längst verboten ist. Für eine Mitarbeiterin des Ministeriums für Glück und Gerechtigkeit wirkt sie erstaunlich adrett. Sogar der übliche aschgraue Anzug, mehr eine Hülle als ein Kleidungsstück, steht ihr ausgesprochen gut. Was für unpassende Gedanken mir durch den Kopf gehen. Dabei müsste ich vor Angst gelähmt sein. Seit die Stille in mir wohnt, will sich keine Angst mehr einstellen. Hast du gewusst, dass es so sein wird? Wie hast du das nur ausgehalten? All die Jahrtausende innerlich wie tot. 

Nein, du warst äußerst lebendig. Tief unter dem alten Haus, in dem halb verfallenen Keller, in der Stille der Finsternis, erhellt von einer einzigen Lampe, in deren trüben Schein du deine Schätze gehütet hast. Du nanntest es „dein Heiligtum“, deinen Altar. Für meine Augen war es nur eine staubige Bibliothek mit Bücherregalen, so wurmstichig, dass sie zu zerbröseln drohten.

„Wir wissen alles!“ Der Gesprächsführende Nummer zwei stützt sich auf dem Tisch ab. Er beugt sich so nah zu mir, dass mir sein Mundgeruch die Nasenwände zu verätzen droht. Einzig dieser faulige Gestank verrät, dass mein aschgraues Gegenüber ein Lebewesen sein muss. „Du hast das Buch nicht nur gesehen, du hast es sogar gelesen. Sprich endlich!“

Im Reflex versuche ich, von ihm abzurücken. Die Fesseln an meinen Armen und Beinen hindern mich daran. Kein Wunder, sitze ich doch im Raum der Erkenntnis. So nennen sie diesen Ort in der neuen, der gerechten Sprache des allumfassenden Glücks. Du hättest „Folterkeller“ dazu gesagt. Die Elektroden an meinem Kopf sollen meine Gefühlsregungen aufzeichnen, mich der Lüge überführen. Der daran angeschlossene Monitor zeigt eine Nulllinie. In mir ist kein Funken Angst. Nur Stille.

Du musst an diesem, unserem letzten Tag voller Angst gewesen sein. Allein deine Frage, ob ich mir des Risikos bewusst sei, wie deine Stimme da gezittert hat. Was für ein Risiko, habe ich dich gefragt. Es ist doch alles nur ein Märchen. Alberner Quatsch, den sich die Leute ausgedacht haben. Bei dem Wort „Märchen“ hast du so tieftraurig ausgesehen, dass mir die Tränen in die Augen traten. Dabei ahnte ich in dem Moment nichts von der Stille, die dich zu verschlingen drohte. Die Stille, die jetzt in mir wohnt, die so furchtbar laut ist, dass sie meine Angst übertönt. Das Einzige, was ich noch spüren kann, ist ein Kribbeln in den Fingerkuppen.

„Wir wissen alles über dich.“ Die Gesprächsführende Nummer eins schleicht um den Stuhl wie eine Katze um die Beute. „Du erinnerst dich an das Internet?“ Sie lacht verächtlich. „Zu deiner Zeit hieß es: Das Internet vergisst nicht. Wir haben all deine Ergüsse gefunden.“ Sie wedelt mit einem Pad vor meinen Augen, darauf Fotos von mir. Wie furchtbar alt ich damals war. Was hast du nur mit mir gemacht? Und warum fällt das den Folterknechten nicht auf?

„Das alles hier ist zutiefst beschämend, moralisch verdorben. Du hast die Gefühle unzähliger Menschen verletzt.“ Der Gesprächsführende Nummer zwei nimmt das Pad an sich. Er hält es mir direkt unter die Nase. Texte, Bilder, all die Spuren, die mein altes Ich hinterlassen hat. Zuerst unbedarft, in der Annahme, ein freies, weites Feld zu beschreiten: Spuren im frisch gefallenen Schnee. Später immer vorsichtiger, bis sie scheinbar verschwanden. Nur waren sie nie ganz verschwunden. All die schattenhaften Spuren beweisen mein moralisches Versagen in unserer neuen Welt, der Welt der Gerechtigkeit und des allumfassenden Glücks.

„Wie kann sich ein Mensch nur dem Glück verweigern?“ Ratlosigkeit schwingt in der Stimme, der Gesprächsführenden Nummer eins mit. „Hast du geglaubt, du kommst damit durch?“

„Es ist falsch, die Menschen zu ihrem Glück zu zwingen“, antworte ich. „Es muss von selbst zu ihnen finden, sonst ist es kein Glück, sondern ein Käfig.“ Zwischen meinen Gedanken raunt deine Stimme: „Zwang und Glück schließen einander aus.“ Selbst wenn sie dich hören könnten, sie würden es nicht verstehen.

Hüterin der Göttin, hast du zu mir gesagt. Ausgerechnet ich! Eine überzeugte Atheistin. Ein Kuss würde den Pakt besiegeln, hast du mir versichert. Was für ein Quatsch, habe ich gedacht und dir ins Gesicht gelacht. Deine Tränen spülten mein Lachen weg. Ich nahm dich in den Arm, hielt dich ganz fest, als hätte ich da längst geahnt … Schon wieder drohe ich in die Vergangenheit abzudriften. Im Hier und Jetzt zieht sich die Schlinge zu.

„Wo ist es? Sprich!“

„Das Buch, wo hast du es versteckt?“

„Ein Buch? Eine Datei auf einem Pad?“ Meine Stimme, wie fremd sie klingt. „Oder so ein historisches Ding aus Papier? Sind da Bilder drin?“

„Jetzt werd nicht frech!“ Der Gesprächsführende Nummer zwei packt mich an den Schultern. Er presst mich auf den Stuhl. Sein stinkender Atem lässt mich würgen. Dieser Fäulnisgestank, was für ein Kontrast zu seinem keimfreien Äußeren. 

„Es handelt sich um einen Kriminalroman aus dem frühen einundzwanzigsten Jahrhundert.“ Die Gesprächsführende Nummer eins verfällt in ihren überbesorgten Tonfall, der mir vorgaukeln soll, sie stünde auf meiner Seite. „Dieser Text kann bei Lesenden schwere psychische Schäden verursachen.“ Sie sagt „Lesende“. Du hättest das alte, das verbotene Wort „Leser“ verwendet.

Ich bin schon zu lange hier, hast du zu mir gesagt. Unendlich lange und dass du es bedauerst, weil wir uns erst so spät getroffen haben. Viel zu spät. Dann haben wir uns geküsst. Endlich. Deine Lippen auf meinen. Es war wie ein Blitz, ein Funken Elektrizität, der durch mich hindurchging. In meinem Bauch kribbelte es bis hinein in die Fingerspitzen. Du hieltest mich fest im Arm. Ich schmiegte mich an dich, nahm deinen Duft in mich auf, berauschte mich am Klang deines Herzens, das tapfer gegen die Stille anschlug. Und da geschah es … Meine Augen brennen. Schnell drücke ich die Erinnerung weg. Doch sie ist stärker als die Mauer aus Stille …

Dein Griff erschlaffte. Dein Arm rutschte nach unten, die Beine knickten weg und du fielst zu Boden, zwischen all die Bücher, die dort auf lockeren Stapeln lagen. Die Göttin, hast du geflüstert, sie muss weiterleben. Du sagtest, du willst es mir so erklären, dass es selbst eine Atheistin versteht. Dabei hast du zum letzten Mal gelächelt. Der Name der Göttin sei „Phantasie“, sie sei ein Symbiont, der sich an einen menschlichen Körper bindet, hast du mir erklärt. Solange sie in mir wäre, könne ich nicht sterben. Ein Kuss schickt sie zum nächsten Auserwählten und ich würde mein Leben aushauchen.

„Wir müssen das Buch vernichten. Diese giftige Sprache darf niemals wieder …“

Seltsam. Sie reden die ganze Zeit von einem Buch. Ich habe keine Ahnung, welches sie meinen. Ich besitze Abertausende Bücher. Alte Bücher. Uralte Bücher. Ausnahmslos alle in der verbotenen Sprache geschrieben. Deine Bücher, die ich zu schützen geschworen habe. Für jedes Einzelne dieser Bücher könnte ich verurteilt werden: Verbrechen gegen das Glück und die Gerechtigkeit. Aber ich verrate nichts. Die Stille in mir ist lauter als ihre Fragen.

Da ist es wieder, dieses Kribbeln in den Fingern, als versuchte etwas, die Grenzen meines Körpers auszudehnen. Unzählige Fäden, nur für ein geübtes Auge sichtbar, kriechen aus meinen Fingerspitzen. Die Fäden wachsen, zuerst wenige Zentimeter, dann meterlang, sie lösen meine Fesseln, bahnen sich einen Weg durch das Verhörzimmer, tastend, suchend, bis sie auf die beiden Folterknechte treffen. Zuerst nur vorsichtig, dann immer schneller umschlingen sie die beiden. Anfangs merken sie nichts davon. Und schon ist es zu spät. Eingewickelt in die Fäden stehen sie reglos da. Mit angstgeweiteten Augen starren sie mich an. Das Grau verblasst. Darunter atmet Farbe. Die Stille, die von ihnen ausgeht, droht mich zu erdrücken. 

„Geh!“, sagt die Göttin mit einer Stimme so alt wie die Sonne. „Ich will mich ein wenig vergnügen. Wir treffen uns in einer Stunde, dort wo die Bücher schlafen.“

Die Göttin vergnügt sich? Das hast du mir nicht verraten. Welche Geheimnisse hast du noch mit in die Stille genommen? Ich werde es herausfinden. Ich habe alle Zeit der Welt – und noch ein bisschen mehr. Und ich werde die Göttin fragen, werde mit ihr reden in deiner Sprache, der verbotenen Sprache und die Stille wird meine Freundin sein.

Anmerkung:
Die harsche Reaktion des einen Testlesers hat mich noch mal meine Social-Media-Erfahrungen der vergangenen Jahre Revue passieren lassen. Ich startete im Jahr 2008 oder 2009 mit einer Seite bei Myspace für Kater Schrumpel. Etwa 2010 kam eine Facebookseite dazu und etwa zur gleichen Zeit ein Profil in einer Online-Community des MDR. Damals schon musste ich des öfteren darüber nachdenken, welche Konsequenzen meine unbedarften Äußerungen in den Sozialen Medien in der Zukunft haben könnten. Diese Gedanken waren sicher meiner Kindheit und Jugend in einem Überwachungsstaat geschuldet.
Anfangs waren die sozialen Netzwerke für mich eine Art Experimentierfeld für mein Schreiben und auch für meine Malerei, der ich damals noch nachgehen konnte. Es war ein Ort, an dem ich einfach so drauflos plaudern konnte, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Dabei rede ich nicht von menschenverachtenden Äußerungen, sondern von ganz alltäglichen Gedanken und Begebenheiten, die ich mit wildfremden Menschen teilte. Ich empfand es als ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Obwohl ich auch da schon feststellen musste, dass es besser war, zu schweigen, wenn ich nicht mit den Ansichten der jeweiligen Wortführer übereinstimmte oder intellektuell nicht mithalten konnte. Zwischenzeitlich hatte ich es sogar mit einem Twitteraccount versucht. Das hatte sich ganz schnell in eine Art Hölle verwandelt, gepflastert mit Fettnäpfchen, in die ich jederzeit hineinzutreten drohte. Deshalb habe ich den Account dort gelöscht. Manchmal klicke ich noch bei Twitter rein und ich habe das Gefühl, dass es in den letzten zwei Jahren eher noch toxischer geworden ist.