Schreiburlaub

Hier habe ich in einem Saalfelder Bistro „digitaler Bohemian“ gespielt

Dank der Verkettung einiger zum Teil recht misslicher Umstände – einer davon das Sturmtief Sabine – bin ich mutterseelenalleine in den Urlaub gefahren. Fernab vom Büroschreibtisch und häuslichen Wäschebergen verbrachte ich sechs Tage (mit An- und Abreise) in einem Hotel, genauer dem Schlosshotel Eyba, in einem kleinen Dorf nahe Saalfeld in Thüringen. Dort gab es neben einem fantastischen Frühstück himmlische Ruhe und eine traumschöne Landschaft, in der ich beim Wandern durch Sturmböen und Schneeregen gleich noch viel mehr zur Ruhe kommen konnte als schon im Hotelzimmer.

Das Schloss vom Schlosshotel Eyba. Dort gibt es auch ein wirklich gutes Restaurant, das ich ganz sicher noch mal besuchen werde, sobald ich endlich einen Bestseller geschrieben habe

In den Pausen zwischen der ganzen Ausruherei hämmerte ich in die Tasten meines greisen Laptops und arbeitete die zahlreichen Testleseranmerkungen in die Wintermaid-Fortsetzung ein. Am Anreisetag machte ich noch einen Abstecher in die Saalfelder Feengrotten, einem stillgelegten Alaunschiefer-Bergwerk. Dort versuchte ich mich, in Mos Welt unter dem Berg einzufühlen. Und ich entdeckte den ersten Stand mit Thüringer Rotbratwurst in Saalfeld. Es sollte nicht der einzige bleiben.

Die Saalfelder Feengrotten – eine kleine Ahnung, wie es in Mos Welt aussehen könnte

Was ich beim Wandern rings um Eyba ein wenig seltsam fand, waren die vielen Hochsitze, die an jeder Ackerecke standen. Ein wenig bekam ich es mit der Angst zutun, entweder jederzeit von einer marodierenden Wildschweinbande umgerannt zu werden, deren Wühlspuren an den Feldwegrändern eine deutliche Sprache sprachen. Oder aber in meinen naturfarbenen Klamotten selbst für ein solches gehalten zu werden und ins Visier eines Jägers zu geraten. Zum Glück ist weder das eine noch das andere passiert. Trotzdem waren die massenhaft auftretenden Hochsitze für mich ein recht ungewohnter Anblick. Denn ich bin ein Dorfkind und kenne mich mit der Optik von Äckern und Feldwegen recht gut aus. Und das Mysteriöseste daran: Rings ums Dorf gab es zwar viele Hochsitze, im Dorf selbst aber keine Einwohner.

Landschaft rings um Eyba – mit Hochsitz (einer von vielen)

Zumindest habe ich dort keine Menschenseele gesehen – mit Ausnahme der Leute im Hotel und der lärmenden Gänseschar am Dorfrand. Aber die Gänse zählen vermutlich nicht so richtig als Leute, auch wenn ihr selbstbewusstes Auftreten locker zur Aufnahme in diese Kategorie gereicht hätte. Deshalb habe ich eine Theorie über den Verbleib der Dorfbewohner entwickelt, die mit bestechender Logik glänzt, auch wenn das jetzt ein bisschen wie Eigenlob klingt. Hier ist sie:

Die Eybaner sitzen des nachts auf ihren auffällig vielen Hochsitzen und jagen aus sicherer Entfernung die marodierenden Wildschweine, die sie dann an die Saalfelder verkaufen, damit diese ihre ebenfalls auffällig vielen Thüringer Rostbratwurststände für die Touristen betreiben können. Tagsüber schlafen die Dorfbewohner, um für die nächtliche Jagd Kräfte zu sammeln. Der einzig logische Grund, warum der Ort wie ausgestorben wirkt. Zumal ich abends, als es schon dunkel war, das Gasthaus im Dorf besucht habe. Und dort waren alle Plätze besetzt, ein weiterer Fingerzeig auf die Nachtaktivität der Dorfbewohner.

Der Windbeutel, an dem ich gescheitert bin

Wer weiß. Es könnte ja wirklich was dran sein. Eine Rostbratwurst habe ich mir in Saalfeld auf jeden Fall gegönnt. Und einen Windbeutel, den ich aber nicht geschafft habe. Der war so riesig groß, dass ich auch hätte versuchen können, ein ausgewachsenes Wildschwein aufzuessen. Ein aussichtsloses Unterfangen. Zumal ich Fleisch eh nur selten esse. Dann lieber Schokolade, die es reichlich in den Werksverkäufen von Rotstern und Sarotti gibt, ebenfalls am Stadtrand von Saalfeld gelegen. Und jetzt schreibe ich weiter am Manuskript von Wintermaid II. Die vorletzte Testleserin wartet schon.

Die Werksverkäufe von Sarotti und Stollwerk. Ein Paradies für Schokoholics. Leider hatte ich am Tag meines Besuchs dort absolut keinen Schokohunger und habe deshalb fast nichts gekauft. Im Nachhinein bereue ich das bitterlich.

Nachtrag: Heute ist Samstag, ein arbeitsfreier Tag (was den Job betrifft) und der erste Tag nach meinem Schreiburlaub. Ich versuche noch, im Text die letzten Fäden zu vernähen, bevor ich ihn hoffentlich morgen ausdrucken und zur Testleserin schaffen kann. Während ich am Text arbeite, putze ich nebenher die Wohnung, jage einen Berg Wäsche nach dem nächsten durch die Maschine und hänge sie auf, brettere los, um fürs Wochenende und die kommende Woche Lebensmittel einzukaufen und koche das Essen. Zwischendurch renne ich immer wieder zum Laptop und kämpfe mich Zeile für Zeile nach vorn. Mit einem Ohr an den Töpfen und Pfannen in der Küche. Es soll ja nichts anbrennen. Und mir wird wieder bewusst, wie aussichtslos es ist, nebenberuflich ernsthaft schreiben oder künstlerisch tätig sein zu wollen oder vielleicht ja auch, sich politisch zu engagieren, wenn man eine Frau ist, die Familie hat.