Ronny Beilhorst und ich

In meiner ostdeutschen Jugend in den Neunzigern gab es in der lokalen Zeitung öfter Berichte über Schlägereien oder Messerstechereien. Ab und zu kam jemand dafür vor Gericht. Und wenn es darüber ebenfalls einen Zeitungsbericht gab, hieß – zumindest in meinen Erinnerungen – der Beschuldigte nicht selten Ronny B. oder Ronny L. oder Ronny … Um es kurz zu machen, der Name „Ronny“ war für mich ein klein wenig vorbelastet. Auch wenn es rein objektiv völliger Quatsch ist und die Welt voller Ronnys ist, die dufte Kumpel und gute Kerle sind.

Als ich im Jahr 2013 die Idee zu meinem Trywwidt-Projekt hatte, wurde mir bewusst, dass es in der Geschichte, die ich erzählen wollte, ja auch „die Bösen“ geben muss. Also die Antagonisten, die meinen Helden das Leben schwer machen. Ehrlich gesagt, ich hatte keinen Schimmer, was diese sogenannten Bösen für einen Hintergrund haben sollten. Aufgrund meiner Fantasielosigkeit kam ich auf die Figur des Ronny Beilhorst. Klar, da waren meine Erinnerungen an die Zeitungsberichte aus den Neunzigern. Und wenn mein Ronny damals ein etwa siebzehnjähriger Schläger war, dann war er im Jahr 2013 inzwischen Mitte oder Ende dreißig. Ein gestandener Mann, der sein Jugendhobby zum Beruf gemacht hatte. Und weil die Schläger in den Neunzigern oft Glatzen und Springerstiefel trugen, wurde mein Ronny eben ein gestandener Neonazi mit entsprechenden Ansichten. Ich hielt diese Idee im Jahr 2013 für ziemlich abgedroschen. Eigentlich langweilig. Aber wie gesagt, mir fiel einfach nichts Besseres ein. Also beschrieb ich meinen Ronny als einen, dem das Deutschnationale am Herzen lag und der das deutsche Volk vor der dunklen Bedrohung durch die Vampire verteidigen wollte. Abgedroschene Idee im Jahr 2013, ich erwähnte es schon.

Im Jahr 2015 kam dann Trywwidt I bei Amazon raus. Und dann holte die Realität meine Geschichte um Ronny ein. Hielt ich zuerst Ronny für einen ausgestorbenen Dinosaurier, den nur meine Fantasielosigkeit im Roman zum Leben erweckt hatte, war plötzlich die reale Welt voller Beilhorsts. Sie bevölkern die sozialen Netzwerke, Freunde aus der realen Welt nehmen ihre Rhetorik an und plötzlich gibt es sogar eine „Ronny“-Partei, die im Bundestag herumsitzt und deren Mitglieder schräge Sachen erzählen. Die realen Ronnys kämpfen in Ermangelung von Vampiren eben gegen Flüchtlinge. Irgendwen gibt es immer, den man wegen irgendwas hassen kann. (Zur Not gingen auch Mopedfahrer oder Wellensittichzüchter.)

Für meinen Ronny im Roman war das ein Glücksfall. Musste ich 2013 noch lange im Netz herumrecherchieren und einen stinklangweiligen Spielfilm über angebliche Neonazis anschauen, um deren Ausdrucksweise zu erforschen (im Film hatten die Schauspieler keinen einzigen Satz gesprochen, sondern nur gegrunzt, was ich aber erst nach 90 verschwendeten Minuten wusste), brauchte ich für den 3. Teil von Trywwidt nur Facebook anzuklicken und mir die knackigsten Kommentare herauszukopieren, um sie meinem Ronny in den Mund zu legen. Hielt ich im Jahr 2013 diese Figur noch für unglaubwürdig und überlebt, habe ich im Jahr 2018 fast schon Angst, weil ich Ronny in keinem so guten Licht zeige. Genau das könnte mir, wenn sich die politische Entwicklung weiter so fortsetzt, vielleicht schon 2020 oder 2030 oder … auf die Füße fallen. Trotzdem belasse ich die Figur des Ronny Beilhorsts so, wie sie ist. Ronny muss seinen Weg im Roman gehen. Einen Weg, den er nun mal beschritten hat, als er sich dafür entschied, sein Gehirn auszuknipsen und die Welt ausschließlich in Schwarz und Weiß aufgeteilt zu sehen.