Rezensionen

Ich hab’s mal wieder getan: Ich habe ein Buch rezensiert. Es war gar nicht so schlimm, bis auf die üblichen Anlaufschwierigkeiten, die jedes Mal auftreten, bevor ich begreife, wie man wo was klicken muss, um die Rezension auf die Plattform hochzubeamen.

Beim Durchlesen meiner Rezension bekam ich einen kleinen Schreck. Im Grunde hatte ich an dem Buch ganz schön viel herumzumäkeln: zu distanziert geschrieben, zu eintönige Erzählperspektiven, zu leichtgläubige Protagonisten … Und trotzdem hatte ich großen Spaß beim Lesen und mich jeden Abend darauf gefreut, weiterlesen zu können. Deshalb: fünf Sterne* und gut ist.

Manchmal lese ich aus Spaß bei Amazon die Verrisse von Büchern, die ich richtig gern mochte. Da ich das seit Jahren hin und wieder mache, beschleicht mich das Gefühl, dass es bestimmte Lesertypen gibt, die solche Verrisse schreiben. Manchmal sind es sogar immer wieder dieselben Leute, die mir auffallen. Da ist z.B. Eva-Marina**, deren Lesespaß auch schon mal durch eines meiner Bücher getrübt wurde, was mir sehr leid tut. Zum Glück hat die Leserin ein Ventil für das Leid gefunden, das ihr unfähige Autoren immer wieder zufügen: emotionale Rezensionen in einem unverwechselbaren Schreibstil. Fast schon legendär finde ich ihre „Laaaaaangweilig“-Rezensionen, in denen sie die deutsche Sprache misshandelt. Zu meiner Überraschung entdeckte ich neulich eines ihrer verbalen Häufchen unter einem Buch, auf dessen Fortsetzung ich bis heute vergeblich hoffe. Wer weiß, vielleicht schreibt der Autor ja wegen Eva-Marinas spitzer Kritikerfeder – getaucht in Schriftstellerblut, direkt aus der frisch gerissenen Wunde – vorsichtshalber keine Fortsetzung mehr. Vielleicht hat sie ihm mit ihrer Rezension unmissverständlich klar gemacht, dass er es als Autor einfach nicht drauf hat.

Eva-Marina gehört für mich zum Typus gebeutelter Leser, da sie auffällig oft an grottenschlechte Bücher zu geraten scheint. Das zeigen ihre gesammelten Rezensionen, in denen sie ihrem Unmut Luft macht. Was muss das für ein Leben sein, wenn man dazu verdammt ist, immer nur doofe Bücher zu lesen? Wahrscheinlich eine Art Vorhölle. Ich stelle mir den weiblichen Typus*** des gebeutelten Lesers als Endfünfzigerin vor. In einem Schürzenkleid, schief geknöpft, sitzt sie auf einem verschlissenen Sofa. Im Mundwinkel glimmt ein Zigarrenstummel. Die Lockenwickler wippen gefährlich im längst trockenen Haar, wenn sie auf einem alten Smartphone ihre Beschimpfungen unter Bücher tippt, die sie nicht verstanden hat.

Dann gibt es den Typus Oberstudienrat a.D. Der Pensionär erzählt noch immer jedem, der es nicht hören will, dass er schon im Alter von zwölf Jahren alle Thomas-Mann-Romane auswendig aufsagen konnte. An seinem Eichenholzschreibtisch kämpft er gegen die Verflachung der deutschen Literatur. Dabei schreibt er an einem Rechner, den der Neffe seiner Haushälterin vor etwas mehr als sieben Jahren aus gebrauchten Computerteilen zusammengestoppelt hat. Wehe, wenn ein solcher Kämpfer für das gehobene Niveau an ein Buch gerät, das nichts weiter will, als die Leser mit einer netten Geschichte zu unterhalten. Der Autor sollte sich dann besser psychologische Unterstützung suchen, bevor er sich ans Lesen einer dieser wohlformulierten Verrisse heranwagt.

Ein weiterer Typus ist das Einhohrn-Glitzer-Blogger-Girl. Sie liebt gut designete Accessoires, die sie für Insta fotografiert. Dazu gehören auch Bücher. Mit Blick auf ihr weißes Bücherregal, in dem ihre knapp 50 Lieblingsbücher stehen – streng geometrisch ausgerichtet und nach Farben sortiert –, tippt sie ihre Rezensionen auf einem Handy mit rosa Schutzhülle, verziert mit einer regenbogenfarbenen Glitzerbommel. Auch hier muss der Autor ganz stark sein, sollte sein Roman solche verrückten Sachen wie Perspektivwechsel oder mehrere Handlungsstränge aufweisen. Oder – ganz schlimm – sollte die obligatorische Liebesgeschichte eher stiefmütterlich abgehandelt werden oder gar fehlen. Ein unverzeihlicher Fehler ist es auch, Protagonisten ins Buch reinzuschreiben, die rein optisch unattraktiv sind. Dann braucht sich der Autor nicht zu wundern, wenn die Rezensentin „verwirrt“ ist von den viel zu vielen und auch noch „unsympathischen Protas“, von dem „unflüssigen“ Schreibstil und ihren Unmut entsprechend aufs virtuelle Papier bringt.

Dann gibt es die betrogenen Leser. Die Legionen der Verführten, ja sogar hinters Licht Geführten, die sich „von den vielen überschwänglichen positiven Rezensionen“ haben täuschen lassen und deshalb das Buch völlig frustriert nach der zweiten Seite abbrechen. Zu diesem Typus zähle ich. Manchmal jedenfalls, wenn ich so blöd gewesen war, einen der vielen hochgejubelten Bestseller gekauft zu haben. Ich tippe meine Rezensionen auf dem Laptop, das auf einem unaufgeräumten Schreibtisch liegt. Darauf pennt ein riesiger Kater, der mir die Sicht auf den externen Monitor versperrt. Wobei ich die „Aufgrund der vielen guten Rezensionen“-Rezensionen inzwischen nicht mehr schreibe, weil mir dafür meine Zeit zu schade ist.

Einen der vielen Gegenpole zu den wirklich kritischen Kritikern bilden die Begeisterten, die einem via E-Mail, Chat oder durchs Ausrichten lassen über gemeinsame Bekannte um zwölf Ecken herum, mitteilen, wie toll sie das Buch finden. Das sind auch die, die niemals eine Rezension schreiben würden, die vermutlich nicht mal wissen, wie das geht und wozu das gut sein soll. Hach ja. (Ich danke euch trotzdem, weil ich durch euch immer wieder daran erinnert werde, warum ich überhaupt schreibe.)

Achtung! Der Blogtext ist eine Glosse. Sie beschreibt keine real existierenden Personen. Der Text beruht lediglich auf meiner Fantasie, die manchmal mit mir durchgeht.

*) Falls ich jemals zu einer echten Freizeit-Rezensentin mutieren sollte, möglichst mit eigenem Blog, dann ohne Sternchen-Zensuren am Ende. Einfach nur schreiben, was ich gut und was ich nicht so gut fand. Und ob ich es gerne gelesen habe und warum – oder warum nicht.

**) Name von der Redaktion geändert.

***) Der männliche gebeutelte Leser trägt in meiner Fantasie ein fleckiges Unterhemd Marke „Wife-Beater“. Seine Glatze glänzt im Licht der Leselampe. Die Wangen vor Wut gerötet, sitzt er auf einem zerknautschen Ledersofa und tippt seine Rezensionen in ein Handy mit gesprungenem Display.