Rezensionen mit zweierlei Maß

Rezensionen sind wichtig für Bücher, besonders für Bücher von Independent-Autoren* und Selfpublishern, zu denen ich mich zähle. Ich gebe zu, ich bin jedes Mal am Boden zerstört, wenn ich einen Verriss zu meinen Büchern finde. Andererseits trägt es mich durch den Tag, sollte ich mal eine positive Rezension entdecken, die mich daran erinnert, warum ich überhaupt Bücher schreibe.

Deshalb schreibe ich, sooft es geht, auch Rezensionen zu Büchern anderer Independent Writers**, um diese zu motivieren und zu unterstützen. Ich versuche dabei, möglichst nur positive Rezensionen zu schreiben. Bücher, mit denen ich nichts anfangen kann, breche ich nach wenigen Seiten ab. Dadurch ist es ohnehin schwer, eine kritische Rezension zu schreiben. Und einfach nur „Laaaangweilig! Konnte mich nicht packen … Bin verwirrt. Hab nach 30 Seiten abgebrochen …“ als Rezension zu schreiben, fände ich ziemlich albern. Zumal Bücher, in die ich nicht reinkomme, durchaus Bücher sein können, die gern und viel gelesen werden. Und warum soll ich dann mit einem Verriss herumstänkern und was anderes behaupten als die große Masse? Ach neee. Besser nicht.

Mit dem Schreiben von Rezensionen für Selfpublishing-Bücher ist es aber so eine Sache. Es gibt hochprofessionelle Selfpublisher, deren Bücher keine Vergleiche zu Verlagsbüchern scheuen müssen. Sie sind professionell geschrieben, professionell korrigiert und lektoriert und lesen sich ebenso professionell. Was mir manchmal fast schon wie der „zuuu“ professionell ist, wenn ich beim Lesen merke, dass da was nach Schema F heruntergeschrieben wurde, mit dem Ziel, am Ende gut zu verkaufen und nicht zwingend, eine außergewöhnliche Geschichte zu erzählen. (Das geht mir auch bei Verlagsbüchern manchmal so***). Wenn ich ein solches Buch lese, es mich dennoch packen konnte und ich es rezensiere, dann natürlich nur positiv, weil es ja hoch professionell und einfach perfekt war.

Und dann gibt es Selfpublishing-Bücher, die wurden mit Hilfe von Freunden (als Testleser) geschrieben, dort wurden keine tausende von Euros investiert, um ein hochprofessionelles, perfekt durchgestyltes Produkt abzuliefern, unterstützt durch eine ausgeklügelte Marketingkampagne. Dort wurde lediglich das viel strapazierte „Herzblut“ investiert, was bei manchen dieser Bücher tatsächlich zwischen jeder noch so unprofessionellen Zeile hindurchschimmert. Wenn mich ein solches Buch, trotz aller Unperfektheiten, packen kann, wenn es schon nach wenigen Seiten einen Sog entwickelt und ich stundenlang bis spät in die Nacht lese, dann kann ich es ebenfalls nur positiv bewerten. Auch wenn der Schreibstil zwischendurch holpert und sämtliche Genrekonventionen ignoriert wurden, was eine Rezension nicht gerade leicht macht.

Deshalb messe ich bei Büchern mit zweierlei Maß. Ich rezensiere nicht nur perfekt durchgestylte Massenprodukte positiv. Ich schenke manchmal auch Büchern positive Rezensionen, die streng genommen äußerst unperfekt sind, die mich aber dennoch gut unterhalten konnten. Ich finde es nur schwierig, diesen Umstand in einer Rezension zu vermitteln, denn ich will bei anderen Lesern, die sich vielleicht aufgrund meiner Rezension ein Buch kaufen, keine falschen Erwartungen wecken.

*) Ich denke gerade darüber nach, nur noch die englischen Wörter für „Autor“ und „Schriftsteller“ zu verwenden, um nicht zum Gendern gezwungen zu sein.

**) Einfach mal eine andere Sprache mitten im Satz sieht auch irgendwie seltsam aus. Menno. Ob ich es mal mit Latein versuchen sollte? Oder Französisch? (écrivain – das sieht doch fetzig aus!)

***) Im Moment lese ich meiner Tochter ein Kinderbuch aus einer sehr erfolgreichen Reihe vor und hab das Gefühl, immer schon ein paar Wörter vorher zu wissen, was als Nächstes kommt. Voll langweilig. Aber die Zielgruppe liebt es.

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