#nichtfürmich

Heute war ich so leichtsinnig, in eine Facebookdiskussion reinzuklicken. Ich bin als Privatmensch nicht mehr auf Facebook unterwegs, deshalb konnte ich dort nicht kommentieren. Sicher hätte ich ohnehin nicht kommentiert, da ich vergangene Woche bei einer ähnlichen Diskussion auf Instagram sofort den aus linksidentitären Kreisen stammenden Stempel „cis-Frau“ (oft abwertend verwendet, im Sinne von „Eine wie du kann hier nicht mitreden.“) auf der Stirn trug.

In der Diskussion ging es mal wieder ums Gendern, um die sogenannten Knacklaute, die jetzt immer öfter in TV und Radio auftauchen und die anscheinend ausnahmslos alle Menschen, vor allem Frauen, supitoll finden, bis auf ein paar böse, alte, weiße Männer, die sich regelmäßig darüber aufregen. Die meisten der weiblichen Kommentatorinnen maßten sich an, für alle Frauen zu sprechen, die das mit dem *innen als großen Sieg feiern würden.

Ich bin eine böse alte Frau. Ich feiere nicht. Ich trauere.

Ich möchte nicht gezwungen werden, meine Sprache, meine Farben, mit denen ich als Autorin Bilder in die Köpfe der Menschen male, zu verbiegen, nur weil eine kleine Clique vermeintlicher Intellektueller, die in meinen Augen nichts weiter als bürokratische Erbsenzähler sind mit dem Drang, Menschen in Schubladen zu stopfen und in Excel-Tabellen einzusortieren, beschlossen hat, meine Muttersprache kaputt zu machen. (Tut mir leid. Der Satz ist sehr lang.)

Bei mir entsteht der Eindruck, als würde es von oben auf mich gepresst, diesen bürokratischen, leblosen Umbau der Sprache in untergliederbare Exceltabellen-Kategorien – bei jedem Wort, das Personengruppen beschreibt – als Befreiung von allem Schlechten, Bösen und Diskriminierenden feiern zu müssen. Und in meinem Ohr summt leise das SED-Lied „Sag mir, wo du stehst und welchen Weg du gehst“. Denn wenn ich mich weigere, bei dieser politischen Indoktrination des Alltäglichen, dieser Verhunzung der Sprache und der damit einhergehenden Verhohnepipelung der weiblichen Seite dieser Welt freudig mitzumachen, dann bin ich ein Störfaktor, eine ewig Gestrige, eine, die sich gefälligst an das zu gewöhnen hat, was sich irgendeine geifernde Twittermeute und ihre Vertreter:_*Innen in der realen Welt als Nonplusultra zurechtgelegt haben.

Es tut mir in der Seele weh. Und ich habe das Gefühl, dass ich nahezu die Einzige zu sein scheine, der es so geht. Dass es anscheinend alle akzeptieren, dass man jetzt so sprechen muss (im TV, im Radio, immer öfter auch im realen Leben). Dass die Medien anscheinend stolz darauf sind, Pionierarbeit zu leisten, wenn sie mich ungebeten und ungefragt zum vermeintlich einzig richtigen Sprechen und Hören erziehen. Dass in meinem persönlichen Umfeld und auch darüber hinaus dieser willentlich gesteuerte, bewusst vorangetriebene Umbau scheinbar niemandem außer mir wirklich auffällt. Und wenn, dann hauptsächlich positiv, weil das ja so toll ist und endlich die ultimative Gleichberechtigung vorangetrieben wird. (Hier gedanklich das „Ernie-Lachen“ aus der Sesamstraße einfügen).

Ab und zu sehe ich mal kritische Stimmen, aber die werden von den Medien meist als „rechts“ verortet, als „geht gar nicht“, als „kann man nicht wirklich ernst nehmen“ usw. So entsteht für mich der Eindruck, dass auch ich „rechts“ sein muss, dass mit mir charakterlich was nicht stimmt, wenn ich darunter leide, was mit meiner Sprache passiert. Dass ich ein durch und durch schlechter Mensch sein muss, wenn ich gehackstückselte Wörter weder lesen noch hören will, die mich als Frau im Grunde jedes Mal verspotten und zu einem gesichtslosen „…innen“ degradieren. Die es mir sprachlich verwehren, zu den Mitarbeitern, den Autoren, den Zuschauern, den Ingenieuren zu gehören und die mich in die Schublade namens „…innen“ quetschen, als drittrangiges, gesichtsloses Irgendwas, das sich optisch und akustisch gnädigerweise ans Hauptwort dranhängen darf, das nur auf das reduziert wird, was zwischen den Beinen los ist, aber nicht auf das, was es eventuell fachlich drauf hat.

Ich sitze alleine in einem tiefen, schwarzen Loch. Es ist so verdammt traurig. Bitte macht meine Sprache nicht kaputt. Bitte …

Linksammlung

Ein Beitrag über Persisch, das im Iran und in Afghanistan gesprochen wird. (Afghanistan ist übrigens das Land, in dem Frauen und Mädchen gerade verboten wurde, in der Öffentlichkeit zu singen – „Wintermaid“ lässt grüßen). Wenn die steile Theorie stimmen würde, dass mit dem Sichtbarmachen der Geschlechter bzw. im zweiten Schritt einer absolut geschlechtsneutralen Sprache die Gleichberechtigung der Geschlechter vorangetrieben würde, kann ich als Frau nur „Nein, danke, Meiners“ sagen. Denn die ganz spezielle Art von Gleichberechtigung, die im Iran und in Afghanistan vorherrscht, ist nicht ganz so mein Ding. Echt nicht. Ohne Quatsch jetzt. http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/33.html

Ein Kommentar von Rieke Hümpel, einer Journalistin, der sich fast schon wie ein Hilferuf liest. https://www.welt.de/debatte/kommentare/article227000843/Sprache-Gendern-das-erinnert-mich-inzwischen-an-einen-Fleischwolf.html

Ein Text mit Erfahrungsbericht und dem Hinweis, dass das bewusste, sprachpolitische Eingreifen, also der Vorsatz, durch Sprache Denken zu lenken, letztlich die Menschen manipuliert von Prof. Dr. Rudolf Stöber, Kommunikationswissenschaft Uni Bamberg. https://link.springer.com/article/10.1007/s11616-020-00625-0
((Ich muss unbedingt noch mal Klemperer lesen und 1984. Nach knapp 30 Jahren liest sich das bestimmt mit ganz anderen Augen.))

Dr. Ewa Trutkowski, eine Linguistin von der Uni Frankfurt, spricht zum Thema. Sie sieht das Ganze ziemlich kritisch. Interessant finde ich, dass die Journalistin zumindest für meine Ohren in ihren Fragen recht deutlich herausstellt, dass es die Menschen aber so wollen und es sich ja jetzt nicht mehr zurückdrehen ließe. ((Und da ist wieder einer dieser Hinweise darauf, dass ich nun mal kein Mensch, sondern ein Alien bin. Wusste ich’s doch!)) https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/gespraech-mit-ewa-trutkowski-100.html

https://www.welt.de/vermischtes/article226325997/Gendersprache-Expertinnen-kritisieren-Duden.html

Ein Kommentar aus dem Merkur: https://www.merkur.de/welt/duden-diskussion-wenn-gender-sprache-zum-schwachsinn-wird-90195836.html

Ein spannender Gegenkommentar ebenfalls aus dem Merkur. Dieses Mal von einer Frau. Auffällig ist dort die Vermischung der Rassismusdebatte und der Ausdruck „cis-Männer“, mit denen sie die Gendersprachdebatte in einen Topf wirft. Für mich der typische Nulltoleranz-Twittersprech des linksidentitären und queerfeministischen Lagers. Allein schon deshalb möchte ich mich vom Gendern distanzieren. https://www.merkur.de/welt/kommentar-duden-gendern-sprache-deutsch-gleichberechtigung-frauen-maenner-stereotype-90195829.html 

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