Nachdenken über Relevanz

Nein. Das ist kein Blut auf dem Foto. Das ist Himbeersirup.

Auf der Literaturseite einer wichtigen Zeitung stand irgendwas Wichtiges über irgendein wichtiges Buch, das irgendein Mann über seine knallharte Kindheit geschrieben hat, mit Bezügen zu anderen wichtigen Büchern, die andere Männer über ihre ebenso knallharte Kindheit geschrieben haben. Wichtig. Wichtig. Wichtig. Und vor allem: Relevant*! Literarisch und gesamtgesellschaftlich gesehen, versteht sich. Weil wichtig und Mann und Gesellschaft und Bezüge zu anderen Männern, die über relevante Dinge schreiben und so.

Und was mache ich? Ich schreibe irrelevanten Quatsch über Monster, die sich gegenseitig zerfleischen. Über Heldinnen und manchmal auch Helden, die ums nackte Überleben kämpfen oder um ein Stückchen Schokolade. Da frage ich mich doch: Ist das relevant? Ist das wichtig? Literarisch und gesamtgesellschaftlich? Die Antwort lautet: Nein! Und das Allerschlimmste, ich bin nicht mal ein Mann! (Hier gedanklich einen Entsetzensschrei einfügen, per Knopfdruck eingespielt aus einer Sound Library für Entsetzensschreie).

Furchtbar sowas. Echt Panne. Wie kann ich nur so anmaßend sein und das Wörtchen „Relevanz“ in meine oberflächlichen Gedanken eindringen lassen?

Und überhaupt? Warum schreibe ich nichts über meine verkorkste Jugend als Proletariertochter aus’m Osten, der die Wende und die Wiedervereinigung volle Kanne ins Gesicht geklatscht sind? Warum nichts über meine Kindheit, die stellenweise so düster war, dass ein Text darüber mit schwarzer Tinte auf schwarzem Papier gedruckt werden müsste, um dem Inhalt annähernd gerecht zu werden? Und am besten gleich noch eine messerscharfe Analyse einfließen lassen, warum im Osten so viele Leute die Nazis wählen?** Das wäre mal Relevanz! Da würde ich mal so richtig … Mist. Ich vergaß. Ich bin kein Mann. Vermutlich würde mein Herumgejammere absolut niemanden interessieren. Es wäre einfach nicht relevant*** genug.

Also bleibe ich besser bei den Monstern, die durch die Finsternis kriechen, die auf der Suche nach Erlösung nichts als Tod und Verwesung verbreiten. Eigentlich auch ganz nett, wenn ich genauer darüber nachdenke.

*) Das ist im Grunde dasselbe, klingt aber cooler.

**) Meine aktuelle Theorie lautet ja: „Die ham ’se doch nich mehr alle!“ Die müsste ich für solch ein Buch natürlich noch ein klein wenig verfeinern.

***) Ehrlich gesagt, bin ich auch viel zu müde, um sowas zu schreiben. Das ginge gar nicht, selbst wenn ich es wollte – oder könnte.