Maximal verar…

Maximal verar…

Heute war es so weit. Heute wurde mein guter Wille gebrochen. Ein für alle mal, fürchte ich. Und das kam so:

Ich war wirklich wild entschlossen, mich weiterzubilden und für ein wichtiges Thema sensibilisieren zu lassen. Also klickte ich auf das Video, das mir via Facebookwerbung angespült wurde. Es ging darin um eine arg gebeutelte ethnische Minderheit, die mit einer schon seit Wochen oder Monaten laufenden Werbekampagne auf den Socialmedia Kanälen die Mehrheitsbevölkerung für ihre Belange sensibilisieren will.

Ich war guten Willens. Ich war neugierig und ich hatte ein paar Minuten Zeit. Etwa vierzig oder fünfzig Sekunden lang habe ich es ausgehalten. Dann konnte ich nicht mehr und musste das Video ausklicken. Ich kam mir einfach maximal verar… vor, so oft hintereinander die politisch korrekt durchgegenderte Bezeichnung für Menschengruppen hören zu müssen, dass mir die glottalen Plosive (ich glaube, so heißen diese künstlichen Pausen zwischen dem Hauptwort und der ganz nach hinten abgehängten weiblichen Endung oder auch Genderpause) nur so um die Ohren flogen.

Ich weiß nicht, was das soll. Dabei bin ich doch eine Frau (glaube ich zumindest) und müsste das supitoll finden, wenn da jetzt immer noch ganz hinten, weit abgeschlagen und abgehackt vom eigentlichen Hauptwort, als Alibi die weibliche Endung „innen“ gnädigerweise mit drangehängt wird. Warum kommt mir das jedes Mal so vor, als würde mir einer beim Sprechen eine knallen? Oder dass Frauen damit mutwillig verhohnepiepelt werden sollen?

Ich weiß es nicht. Vielleicht werde ich meinen Psychiater befragen, sollte ich mal zu einem gehen.

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Ich habe noch eine Weile nachgegrübelt, warum mich diese Verschlimmbesserung der Sprache so mitnimmt. Mal abgesehen davon, dass ich ab und zu Bücher schreibe und die Wörter nun mal meine Farben sind, mit denen ich versuche, Bilder im Kopf der Leser zu malen und ich es nicht witzig finde, wenn mir jemand diese Farben wegzunehmen versucht und mir andere in die Hand drückt und mir vorschreibt, ab jetzt mit diesen malen zu müssen, auch wenn ich – als mehr oder weniger Künstlerin – das innerlich nicht fühle und auch nicht vom Kopf her nachvollziehen kann.

Ich bin in der DDR aufgewachsen. Um jetzt keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich bin sehr, sehr froh, dass es diese Diktatur nicht mehr gibt. Und gleichzeitig wurde ich ein Stück weit dadurch geprägt. Zum Beispiel von dem Selbstverständnis, dass es völlig normal war, wenn Frauen einen Job hatten, wenn sie Elektriker in der Braunkohle oder Ingenieur waren, wenn sie Trecker gefahren sind oder einen großen landwirtschaftlichen Betrieb geleitet haben. Es war normal, dass Frauen Auto gefahren sind, ein eigenes Konto bei der Bank hatten, sich ihren Job – soweit es die Diktatur/der Staat zugelassen hat – einfach selbst aussuchen konnten, egal ob im technischen, pflegerischen, medizinischen oder Bildungsbereich. Sie mussten dazu nicht ihren Mann um Erlaubnis bitten, wie es in der Bundesrepublik noch viele Jahrzehnte nach Ende des zweiten Weltkrieges der Fall war. Dort schienen Frauen jahrzehntelang eher so etwas wie nahezu entmündigte Personen gewesen zu sein, die nicht annähernd die gleichen Rechte wie Männer hatten und sich diese in harten Kämpfen erst nach und nach erkämpfen mussten. Wie zum Beispiel das Recht auf Abtreibung. Das war in der DDR ein normaler medizinischer Eingriff, auch wenn sicher Schicksale dahinter standen, die oft nicht leicht waren. Inzwischen wird diese Sache wieder mehr und mehr zum Politikum. Abzutreiben – ohnehin eine schwierige Entscheidung für eine Frau – wird immer problematischer. Und ich als ehemaliges DDR-Kind stehe daneben und denke: „Hä?“

Nach der Wende war es mit dem Elektrikerdasein für viele Frauen ganz schnell vorbei. Mit dem Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft fanden sie sich zum Beispiel beim Unkrauthacken in den Plattenbaugrünflächen wieder. Oder die Bauingenieurin durfte zur Fußpflegerin umschulen. Mir wurde in einem Existenzgründerlehrgang eingeschärft, niemals und auf keinen Fall junge Frauen einzustellen, weil die ja schwanger werden könnten. Mir wurde erzählt, dass Bewerbungen von Frauen in ihren Dreißigern aussortiert würden, weil die ja ohnehin bald schwanger würden (von einer Frau, die stolz darauf war, das getan zu haben). Und ich weiß von einer Kündigung, weil die Mitarbeiterin geheiratet hatte und der Chef davon ausging, dass sie ja dann bald schwanger würde.

Ich, als Dipl. Ing. (FH) Landschaftsplanung und Naturschutz mit Berufserfahrung und Kenntnissen der regionalen Gegebenheiten, bekam auf eine Stellenausschreibung eines Amtes, in der ein Dipl. Ing. (FH) Landschaftsplanung und Naturschutz (m/w/d) mit Berufserfahrung und Kenntnissen der regionalen Gegebenheiten gesucht wurde, die eineinhalbseitige Absage, ich wäre nicht qualifiziert für den Job. Meine Abschlussnote lag bei 1,8. Aber das hatte nicht mal zur Einladung zu einem Vorstellungsgespräch gereicht. Ein männlicher Verwandter hatte seinen Berufsabschluss mit Ach und Krach geschafft (Note 4). Er war damit qualifiziert genug, sofort einen Job in der Entwicklungsabteilung einer Firma zu ergattern.

Und jetzt kommt so eine diffuse Wolke angeschwebt und vernebelt die Köpfe und redet uns ein, alles würde besser, aber wir müssten erstmal die Sprache umbauen. „Stinkefinger, Meiners!“, kann ich da nur denken und mich maximal verarscht fühlen, wenn meine Farben zerstört werden und alles mit dem gut gemeinten Vorsatz, dadurch Gerechtigkeit herzustellen. Dabei liegt es nicht an der Sprache, sondern an Traditionen, Religionen, Erziehungsstilen und der allgemeinen Politik des jeweiligen Landes, wie Frauen oder andere Bevölkerungsgruppen wahrgenommen werden. Und nein! Ich fühle mich nicht gewertschätzt, wenn die weibliche Endung, abgehackt vom Hauptwort gnädigerweise ganz hinten dran gehängt wird. So auf dem dritten Platz, weit abgedrängt. Oder dass ich mir von „alten weißen Männern“ sagen lassen muss, ich dürfe mich nicht „Autor“ nennen, weil ich schließlich eine Frau und deshalb (nur?) eine „Autorin“ sei. Ist mir echt passiert, damals als ich noch naiv war und meine DDR-Sozialisation noch nicht abgestreift hatte, die mir eingeflüstert hatte, Frauen könnten im Grunde alles sein auch Ingenieure, Informatiker, Autoren etc.

Ich weiß einfach, dass Frauen auch Ingenieure oder Informatiker sein können, selbst wenn die Sprache nicht vorher zerstört wird. Ich habe es erlebt. Vor mehr als dreißig Jahren, wo keinesfalls alles besser war, wo jedoch Selbstverständlichkeiten einfach gelebt wurden, die heute in Frage gestellt werden.

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