Wenn der Zeitgeist spukt

Ich geb’s zu, ich bekomme kaum was mit von der Welt. Morgens schleppe ich mich im Halbschlaf von der Wohnung ins Büro. Abends der Weg zurück, ebenfalls mehr schlafend als wachend. Und dann klingelt auch schon der Wecker, weil es wieder früh am Morgen ist und der nächste Arbeitstag an die Tür klopft. Am Wochenende dann: kochen, waschen, putzen. Und zack! Schon ist es wieder Montag sechs Uhr und es geht von vorne los.

Seit ich meinen privaten Facebookaccount stillgelegt habe, ist auch dieses Fenster zur nervigen Welt geschlossen. Doch manchmal öffnen sich zugemauerte Fenster auch. Zum Beispiel, weil ich den Account kurzzeitig reaktivieren musste, da ich darüber zwei Werbekampagnen* für meine E-Books steuern will und auch das Lesebienenprojekt teilen wollte. Und ich hatte eine Woche Urlaub und somit Zeit, am Bahnhof herumzulungern.

Dort, am Bahnhof, umwehte mich gleich zweimal der kalte Hauch des Zeitgeists. Zum einen gab es Kekse mit Mundschutzmasken aus Zuckerguss – als Reminiszenz an die Coronapandemie – und in der Bahnhofsbuchhandlung lagen gleich mehrere Esoterikzeitschriften an prominenter Stelle aus. Vermutlich um die sogenannten Coronaschwurbler, Impfgegner und Chemtrailfans als Kunden zu umschmeicheln, deren Stimmen in den sozialen Medien und auch im persönlichen Umfeld immer lauter werden.

Aber auch auf Facebook wird inzwischen umschmeichelt. Hier sind es die Triggerwarner aus der Twitterblase, die zur Zielgruppe auserkoren wurden. Diese haben es tatsächlich geschafft, ihre Forderungen nach Triggerwarnungen durchzusetzen. Ich habe diese Warnungen jetzt schon mehrfach vor Beiträgen gesehen, die sich mit tragischen Schicksalen auseinandersetzen. Verrückterweise so, dass zuerst das Wort „Triggerwarnung“ im Posting stand und dann sofort das tragische Schicksal erwähnt wurde. Man konnte trotz Triggerwarnung diesem Schicksal praktisch nicht entgehen.

Eine Triggerwarnung von Eltern.de (21.09.2020) auf Facebook. Gleich nach dem voll im Trend liegenden Wort „Triggerwarnung“ geht es inhaltlich in die Vollen. Keine Ahnung, wen das wie genau vor was schützen soll.

Eine Kombination, die für mich schon an eine ziemlich fiese Spielart des schwarzen Humors grenzt: „Für dich ist es ein grausames Schicksal, mit dem du klar kommen musst – für uns ist es eine trendy Triggerwarnung, die uns bei unserer Zielgruppe hipper erscheinen lässt.“ Nur dass es leider ernst gemeint ist und völlig humorbefreit.

Eine Triggerwarnung vom ZDF (17.10.2020) auf Facebook: Auch hier gleich nach dem Wort ab in die Vollen mit dem eventuell problematischen Thema. Als würde jemand bewusst heißes Wasser in eine Menschenmenge kippen und, während das Wasser auf die Leute niederplatscht, rufen: Vorsicht! Heißes Wasser!

Dabei gab es erst letztens wieder zwei wissenschaftliche Studien, die die Sinnlosigkeit von Triggerwarnungen nachgewiesen haben, dass sie sogar Ängste bei ohnehin schon angstgeplagten Mitmenschen schüren. Aber egal. Der Zeitgeist verlangt es nun mal, sonst haucht er dir seinen eisigen Atem in den Nacken und das kann ja wohl niemand wollen.

Und ich freu mich schon, wenn ich Ende des Jahres bei Facebook wieder den Stecker ziehen kann. Und spätestens, wenn es auch in persönlichen Gesprächen irgendwann heißt: „Achtung! Triggerwarnung …“, dann weiß ich auch nicht weiter**.

*) Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber sie stirbt. Immer. (Das würde mein Protagonist Korwin Schwarzvogel zu dieser grandiosen Marketingidee sagen.)

**) Ehrlich gesagt, weiß ich jetzt schon oft nicht weiter, wenn Leute in Gesprächen an bestimmte Bezeichnungen ein „_innen“ mit langer Pause davor dranhängen – oder im Radio. Für mich als Frau ein Stück weit irritierend, weil ich ganz nach hinten, abgehackt vom Hauptwort eingruppiert und somit als Angehörige eines Bevölkerungsanteils von etwas mehr als 50% als drittrangig abgewertet werde. Aber der Zeitgeist stampft trotzig mit dem Fuß auf und ich beuge mich und schweige höflich.