Du darfst nicht

Du darfst nicht

Edit: Ich hatte inzwischen beschlossen, die Triggerwarnungsrezension einfach nicht mehr als missgünstigen Faustschlag in die Magengrube zu interpretierten, sondern habe sie genutzt, um für mein Buch Werbung zu machen. – Yeah, Baby! So und nicht anders! (Wobei ich nicht weiß, ob ich dadurch auch nur ein einziges Buch verkauft habe. Aber es kamen zwei oder drei anonyme Fünf-Sterne bei Amazon dazu und das ist doch auch schon was.)

Also, Meiners, wenn ihr mal ein richtig brutales, mega blutiges Buch lesen wollt, das alle Grenzen des guten und mittelguten Geschmacks sprengt, das euch so richtig in die Alpträume treibt, die nie, nie wieder weggehen werden, dann lest „Wintermaid“. Nicht. (Ich vermute, von der Brutalität her ist Hänsel und Gretel sehr viel krasser. Oder Rotkäppchen. Oder der Wolf und die sieben Geißlein.)

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Es tut mir leid. Mir reicht’s. Ich bin zutiefst verunsichert. Ich weiß nicht, ob jemand wie ich überhaupt Bücher schreiben* darf (die definitiv keinen Anspruch erheben, die Realität 1:1 haargenau abzubilden, da sie – Tata! – zum Genre „Fantasy“ gehören und keine Reportagen sind).

Dieses „Du musst diese oder jene Menschengruppe in deine Bücher aufnehmen, wegen der Diversität“, „Du darfst diese Leute aber nur so beschreiben, wie wir es dir sagen, sonst ist es beleidigend für diese Gruppen“ (Wer bestimmt die allgemeingültigen Kriterien? Das Weltministerium für Menschengruppenbeschreibungen?), „Und wenn du über eine Gruppe schreibst, der du nicht angehörst, dann läufst du Gefahr, ohnehin von vornherein beleidigend, diskriminierend, rassistisch zu sein“, „Du darfst diese oder jene Quelle nicht zitieren, weil diese Organisation in der Kritik steht.“ (Bei wem? Beim Weltministerium fürs Kritisieren von Menschenrechtsorganisationen?). Bei mir kommt da am Ende nur an: „Du darfst dieses oder jenes nicht schreiben“. Eine ideale Schere im Kopf, die bleischwer auf die Kreativität drückt und nur am Schnippeln ist.

Das geht mir massiv auf die Ketten.

„Und du musst natürlich Triggerwarnungen in deine Bücher reinschreiben!“ Schiet egal, ob da schon auf dem Cover eine Frau mit Armbrust herumsteht und im Klappentext noch was von „Menschenfressern“ erwähnt wird. Trotzdem muss die Triggerwarnung rein! Weil ja schließlich Schimpfwörter verwendet werden (mit denen sich die Kinder auf dem Schulhof anreden) und jemand mal von einem Lüstling geschubst wird.

–> Es gibt Studien, die zeigen, dass Triggerwarnungen Ängste auslösen und mehr schaden als nützen. <–

Wo hört das auf? Wenn alle nur noch Bücher schreiben, in denen maximal ein Stein** ins Wasser fällt, als Gipfel der Spannung? Ist es das, was ihr wollt? Echt jetzt?

Ich bin sauer, wütend und ich habe Angst, große Angst, vor dem, was da noch kommt, wenn sich diese Entwicklung fortsetzt.

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle die Rezension veröffentlichen – die keine ist, sondern nur eine lapidare Abwertung in drei Sätzen samt ausführlicher Triggerwarnung –, die mich zu diesem emotionalen Beitrag inspiriert hat. Als jemand mit chronisch zu niedrigem Blutdruck bin ich gerade entsetzt, dass ich überhaupt so emotional reagieren kann. Ich verzichte auf das Veröffentlichen der Rezension, da so etwas kein guter Stil sein soll und man als Autor gnädig schweigen soll.

Es fällt mir aber immer schwerer, gnädig zu sein, da meine Angst wächst und wächst und ich wirklich bei ausnahmslos jedem Text, den ich schreibe, mit einer riesigen Schere im Kopf zu kämpfen habe und mich frage: Darf ich das jetzt schreiben? Oder könnte es lebensbedrohlich werden, sollte es tatsächlich ein empfindsamer Leser vor die Augen bekommen? Oder könnte es marginalisierte Gruppen beleidigen? Oder sonstwelche Leute, die äußerst empfindsam reagieren?

*) Mal abgesehen davon, dass ich gar keine Zeit mehr zum Bücherschreiben habe und auch keinen Mut.

**) Aber nur ein Stein mit Schwimmflügeln, weil das sonst traumatisierte Nichtschwimmer triggern könnte.

Triggerwarnungen:

https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/achtung-warum-triggerwarnungen-wenig-bringen