Selbstzweifel und Straßenkehrer

Kater Schrumpel und der Besen – ein besseres Foto für den Text hatte ich nicht

Ich schreibe an den letzten Seiten der Wintermaid-Fortsetzung und tauche in Mos seltsame Welt ein, in der vieles nicht so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Im realen Leben läuft gerade alles Drunter und Drüber, sodass ich das Gefühl habe, eine riesige Welle rauscht auf mich zu und ich kann ihr nicht ausweichen. Abends nach der Arbeit zu schreiben, wird dadurch noch schwerer, als es vorher schon war.

Und das, was ich schreibe, fühlt sich beliebig und austauschbar an. Irrelevant. Überflüssig. Letztlich sitze ich schon seit Jahren am Rechner und tippe meine Texte, ohne dass sie großartig wahrgenommen werden. Trotz der vielen Stunden auf Facebook, Twitter, Instagram.

Doch dann gibt es immer wieder Leserinnen und Leser, die mir mit ihren Reaktionen Mut machen. Manchmal rede ich mir dann ein, vielleicht tatsächlich schreiben zu können. Aber nur vielleicht. Denn die Statistiken in den Webshops schreien mir seit eh und je ins Gesicht: „Lass! Es! Bleiben!“ Mit jedem Wort, das ich trotzdem tippe, belüge ich mich selbst.

Ein Freund – der nicht schreibt – rief mich letztens an, dass sich ein größerer Verlag bei ihm gemeldet hätte, um einen Text, genauer einen Tweet, von ihm zu veröffentlichen. Er lachte mich aus und meinte, das wäre doch eigentlich mein Anruf bei ihm gewesen. Am Ende wurde nichts aus der Veröffentlichung (aus einem der vielen Gründe, aus denen ich meinen Twitter-Account gelöscht habe). Aber es hatte immerhin für einen Gag am Telefon gereicht, sodass ich mich wieder fragen musste: „Warum mache ich das mit dem Schreiben überhaupt?“

Die Antwort darauf fällt mir immer schwerer. Zumal ich das mit der Selbstverwirklichung, dem Spaß am Geschichtenerzählen, als wichtigste Gründe für mich zu schreiben, längst knicken kann. Dafür saugt das reale Leben zu viel Energie, als dass ich sie noch in was anderes stecken dürfte.

Um nicht kurz vor der Zielgeraden (was das Wintermaid-Manuskript betrifft) vor lauter Selbstzweifel einzuknicken, werde ich wieder das Bild vom Straßenkehrer aus Michael Endes »Momo« aus der gedanklichen Schublade ziehen müssen: ein Besenstrich nach dem anderen und auf gar keinen Fall an die ganze Straße denken. Und ganz wichtig: Sich niemals – wirklich absolut niemals – mit anderen vergleichen.

Das bedeutet: Den Tunnelblick auf meine eigene Arbeit fokussieren. Dann den Rohtext beenden, anschließend meine Teilnahme an der BuchBerlin vorbereiten, irgendwann den Text überarbeiten und die Wintermaid-Fortsetzung* in aller Ruhe zur Veröffentlichung bringen.

Wenn das alles geschafft ist, kann ich immer noch schauen, ob da ein Stück Straße übrig ist, das sich zu kehren lohnt. Oder ob ich den Besen endgültig in die Ecke werfen und einfach Eis essen gehen sollte.

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*) Es ist tatsächlich eher eine Fortsetzung als ein zweiter Band. D.h. der erste Band steht in sich abgeschlossen für sich alleine da. Alles, was danach noch kommt, ist sozusagen die Kür, aber keine „Pflicht“, es zu erzählen oder gar zu lesen.

Metzeln oder kuscheln und reden?

Abends nach der Arbeit tippe ich im Dämmerschlaf an meinem Rohtext zur Wintermaid-Fortsetzung. Die Geschichte spielt in einer Welt, in der in einigen Regionen allein das Recht des körperlich Stärkeren zählt. Die Menschen, die dort leben, sind fest davon überzeugt, das Recht zu haben, sich alles zu nehmen, was sie wollen und sei es das Leben jener, denen sie die Menschlichkeit absprechen.

Deshalb komme ich beim Schreiben immer wieder an einen Punkt, an dem sich diejenigen zur Wehr setzen müssen, die in meiner Geschichte sozusagen „die Guten“ sind, um diesem mörderischen Ansturm zu begegnen oder im Vorfeld zu verhindern. An allen diesen Punkten war meine erste Idee, ein wildes Gemetzel anzuzetteln, bei dem „die Bösen“ auf der Strecke geblieben wären. Und jedesmal konnte ich solche Szenen nicht schreiben, weil mir dadurch „die Guten“ unglaubwürdig erschienen. Denn wo würden sie sich noch von ihren Gegnern unterscheiden, wenn sie mit den selben Mitteln agieren? Zumal die Gegner ebenso überzeugt davon sind, das einzig Richtige zu tun, wie diejenigen, die in meiner Geschichte etwas positiver wegkommen.

Was als gut oder böse einzustufen ist, ist im Falle meiner Geschichte mal wieder lediglich ein Standpunkt, den der Betrachter einnimmt. Und dieser Standpunkt ist vom Lager abhängig, aus dem die jeweilige Figur stammt.

Im Nachhinein finde ich es schade, dass ich die Wintermaid-Idee aus Kraft- und Zeitgründen so schnell heruntergeschrieben habe und keinen richtigen Roman daraus machen konnte, mit mehreren Handlungsfäden und kapitelweisen Perspektivwechseln, ähnlich wie bei „Trywwidt“. Ich hätte diese Gut/Böse-Angelegenheit gerne tiefergehend untersuchen und durcheinanderwirbeln wollen.

Und jetzt schreibe ich weiter. Ich bin gespannt, wann der nächste Entscheidungspunkt zwischen Gemetzel oder Gespräch kommt.

An der Leistungsgrenze

Mein Schreibplatz im letzen Urlaub

Mein Urlaub ist vorbei. Zwei Wochen Pause vom Job und ein bisschen auch vom Haushalt. Während der Zeit habe ich an einem Text für ein Projekt mit Abgabetermin geschrieben, auf das ich nicht mal stolz sein kann. Parallel dazu versuchte ich, auch noch am zweiten Wintermaid-Text zu arbeiten.

Beim Schreiben an zwei Projekten gleichzeitig musste ich immer wieder an meiner Leistungsgrenze kratzen. Dabei hatte ich doch Urlaub und sollte mich erholen. Mein Plan, die Wintermaid-Fortsetzung bis zur BuchBerlin im November fertigzustellen, werde ich nicht einhalten können. Ich merke gerade wieder, dass mein kleines bisschen Kreativität die weiße Fahne schwenkt und mein Kopf kaum mehr als „Ich will doch nur schlafen“ denken kann. Selbst die Wochenenden taugen nicht zum Schreiben, da sie oft mit Terminen und Verpflichtungen vollgepackt sind und seien es nur die Wäscheberge und das, was sonst noch so zum Familienleben gehört.

Eigentlich hätte ich jetzt, kurz vor Mitternacht, endlich Zeit und Ruhe, um zu schreiben. Uneigentlich ist da nur bleierne Müdigkeit, die mich nicht schreiben lassen will. Ich beneide die Leute, die so diszipliniert sind, sich morgens um fünf den Wecker zu stellen, um noch vor dem Job ein oder zwei Stunden am Text zu feilen. Oder die auch Mitternachts noch so wach im Kopf sind, dass sie diese Stunden nutzen können.

Ich werde mein Urlaubs-Schreibpensum endgültig in den Alltags-Modus herunterfahren und mich dann eben freuen, wenn ich zwei oder drei Seiten pro Woche schaffe, anstatt fünf Seiten am Tag schaffen zu wollen. Richtig knifflig wird es erst beim Überarbeiten. Dazu brauche ich absolute Ruhe und einen hellwachen Kopf. Ein Zustand, den ich – wenn beruflich alles gut geht – erst wieder in genau einem Jahr für längere Zeit haben werde, nämlich dann, wenn wieder Urlaub ansteht.

Warum ich meinen Twitter-Account gelöscht habe

Hab ich selbst gemalt. Ist leider ein bisschen verschwommen eingescannt.

Es war mal wieder so weit. Ein Shitstorm fegte durch meine kleine Twitterwelt. Wobei sie noch nie so richtig meine Welt war, da ich mit dem Netzwerk nie ganz warm geworden bin (https://klarabellis.de/warum-ich-manchmal-leute-bei-twitter-blockiere/ ).

Der erste Shitstorm, bei dem ich schon kurz davor war, die Löschtaste zu drücken, der ging im Februar bei Twitter los. Da wurde ein in der Twitterblase recht beliebter Indie-Autor öffentlich zerlegt, weil er über einen falschen Witz gelacht hatte und anschließend auch noch mit einer nicht ganz korrekten Formulierung um Entschuldigung zu bitten versucht hatte. Zuvor hatte er regelrecht in seinem Twitteraccount gewohnt. Danach habe ich ihn nie wieder dort gesehen. Eines der Beispiele, warum ich persönlich Angst habe, mich bei Twitter auch mal etwas kontroverser zu gewissen Themen zu äußern und warum ich, nach dem ich diesen Blogbeitrag veröffentlicht habe, meinen Account löschen werde. Ich bin leider keine Kämpferin. Ich bin eine Beobachterin.

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Dieses Mal drehte sich der Shitstorm in meiner Autorentwitterblase um das Thema „Triggerwarnung“. Ein Thema, das man als Autorin in Sozialen Medien auf die gleiche Weise meiden sollte, wie ein Schweinehaxen-Rezept in einer Zeitschrift für vegane Gerichte zu veröffentlichen oder in einem Forum für Katzenhalter die Einführung der Katzensteuer zu fordern und die Vorzüge von Hunden anzupreisen.

Der Shitstorm wurde von einem Zeitschriftenbeitrag, genauer einer Glosse, erschienen in der Zeitschrift Federwelt, ausgelöst, die mit dem Wort »Triggern« spielt, was so viel bedeutet wie »Aktivieren« bzw. einen Vorgang auslösen, ein in der EDV und Elektrotechnik verwendeter Begriff, der auch Eingang in die Medizin gefunden hat und dort technische Auslösevorgänge (bei Gerätschaften in der Intensivmedizin) oder das Auslösen eines Symptoms beschreibt.

Wenn man den Twitter-Shitstorm so gelesen hat, wie ich, scheint der Federweltbeitrag ein durch und durch menschenverachtender Text zu sein, allein nur, weil mit dem Wort »Triggern« gespielt wurde. Ein Wort, das für sich genommen einen recht breiten Verwendungsspielraum hat, der keinesfalls auf eine bestimmte Gruppe von Menschen beschränkt ist.

Die Glosse schlägt sich sogar eher auf die Seite von Betroffenen (posttraumatische Belastungsstörungen), da sie die drohende Kommerzialisierung und Vereinnahmung des Triggerwarnungs-Phänomens durch den Buchmarkt anklingen lässt und auf die Spitze getrieben darstellt.

Mich macht es immer wieder stutzig, wie aggressiv, weinerlich und unter der Gürtellinie agierend Menschen reagieren, die fest davon überzeugt sind, die alleinige Wahrheit gefunden zu haben und die glauben, auf der Seite des Guten zu stehen. Ich könnte jetzt mit meinen laienhaften Worten zu erklären versuchen, warum ich persönlich Triggerwarnungen, die ins Impressum oder hinten ins Buch hineingedruckt werden, mehr als nur kontraproduktiv finde. Ich hatte dazu auch schon Psychologen befragt: https://klarabellis.de/trigger-triggerwarnung-psychologe/ 

Nur eines, was mir auffällt: Die Ähnlichkeiten zu den Bedürfnissen von Menschen, die an einer Zwangsstörung leiden, erscheinen mir erdrückend. Für Menschen, die unter Zwängen leiden, kann es – für den Moment – eine wunderbare Hilfe sein, dass dort jemand Außenstehendes ist, der oder die ihnen wieder und wieder versichert, dass der Herd ausgestellt ist, dass niemand von hinten auf ihre Jacke gespuckt hat, dass der Ehemann zu Hause nicht in seinem Blut liegt und stirbt, weil er sich ein Brötchen aufgeschnitten hat.

Für den Moment können solche Warnungen, Hinweise, Bestätigungen für Betroffene eine echte Erlösung sein. Bezogen auf das gesamte restliche Leben, das unter Umständen 80 Jahre und länger dauern kann, wird es zur Hölle für die Betroffenen und ebenso für diejenigen, die als Komplizen des Zwangs immer wieder bestätigen müssen, dass alles Okay sei.

Wenn ich Triggerwarnungen in meine Bücher schreiben würde, würde ich mich zum Komplizen des Traumas bzw. dessen Auswirkungen machen. Aber auch nur des Traumas weniger, vereinzelter Menschen, auf die diese Trigger reinzufällig zutreffen. All die anderen Auslösereize, die ich nicht kennen kann, da sie so vielfältig sind wie die Menschen, würden hinten runterfallen und ich würde diese Leute, ohne es auch nur zu ahnen, in die persönliche Hölle schicken – sofern das mit dem Triggern so funktioniert, wie in solchen Diskussionen dargestellt.

Eine Ahnung, wie vielfältig Auslösereize sein könnten, zeigt die Webseite https://www.doesthedogdie.com/ 

Für mich persönlich bedeutet das: Menschen, denen es gesundheitlich derart schlecht geht, dass sie nicht einmal ein Buch lesen können, ohne körperlich und seelisch zusammenzubrechen, kann ich nur empfehlen, sich dringend professionelle Hilfe zu suchen. Denn das Leben dauert in der Regel länger, als man in einem Liebesroman oder Fantasyschinken schmökert. Es dauert im Idealfall viele Jahrzehnte. Es wäre mehr als nur traurig, wenn Ängste, Zwänge, Störungen oder Traumata diese Jahre kaputtmachen und keine Lebensfreude mehr zuließen. Es bringt nichts, einen Shitstorm nach dem anderen bei Twitter loszutreten, Autoren bei Facebookdiskussionen anzupöbeln, Redaktionen unter Druck zu setzen. Das hilft keinem einzigen, wirklich erkrankten Menschen, seine Probleme in den Griff zu bekommen und sein Leben zu meistern.

Es hilft auch nicht, Literatur in etwas Giftiges verwandeln zu wollen, das ähnlich wie ein Medikament einen Beipackzettel braucht. Das Leben – zu dem ich auch das Lesen von Büchern, Zeitungsartikeln, Blogbeiträgen etc. zähle – hat im Normalfall keinen Beipackzettel und es kann, wenn alles gut läuft, sehr, sehr lange dauern.

Warum ich manchmal Leute bei Twitter blockiere

Soweit ich weiß, ist es voll fies, Leute in Sozialen Netzwerken zu blockieren. Richtig fies ist es, wenn es auch noch „die Guten“ sind. Also Leute, die den Anschein erwecken, die Welt retten oder zumindest verbessern zu wollen. Vorausgesetzt, sie leben tatsächlich genau das, was sie in ihren Tweets der Welt verkünden – unter anderem mir, als winzig kleinem Teil dieser Welt.

Zum Glück verirren sich fast nie Leute in meine Timeline bei Twitter, die ich sofort loswerden wollen würde. Also Menschen, die menschenverachtende Inhalte verbreiten. Diese würde ich reflexhaft blockieren, ohne großartig darüber nachzudenken, da ich ihnen keine Bühne für ihr Treiben bieten will.

Und dennoch bin ich es leid, immer mal wieder beim Reinklicken in meinen Twitter-Account von „den Guten“ angeschrieen zu werden. Auch wenn es nur geschriebene Worte sind, wirken sie auf mich, als bekäme ich Ohrfeigen für Sachen, die ich niemals getan habe und aller Voraussicht nach auch niemals tun werde.

Besonders nervig finde ich inzwischen Tweets, die mit „Hört auf …!“ anfangen. Meist folgt darauf eine Binsenweisheit, von der ich annehme, dass sie Menschen mit halbwegs okayer Erziehung ohnehin instinktiv befolgen würden. Oder es sind Forderungen, die ganz klare Eingriffe in die künstlerische Freiheit darstellen, sollte ich als Autorin gezwungen sein, dieses „Hör auf!“ widerspruchs- und ausnahmslos in allen meinen Texten befolgen zu müssen.

Ich bekomme jedes Mal verbal eine runtergehauen, wenn mir – mal wieder – so ein „Hört auf!“-Tweet in die Augen springt. Und ich denke mir: „Warum soll ich mit was aufhören, das ich gar nicht mache?“ Und dann denke ich „Wer bist du, dass du das Recht hast, von oben herab der Welt zu verbieten, ihre Fehler zu machen? Etwa Gott?“

Und da ich eher zum Vergnügen bei Twitter bin, zum Austausch mit Leuten, die Bücher schreiben und lesen, zum Lesen von Nachrichten und Blogbeiträgen, die dort geteilt werden, nehme ich mir inzwischen die Freiheit, Leute zu blockieren, die mir – für mein persönliches Empfinden – zu übergriffig sind, auch wenn es sich vielleicht um Leute handelt, die versuchen, die Welt ein bisschen besser zu machen, oder es zumindest glauben.

Wahrscheinlich würde es schon reichen, diese Accounts stumm zu schalten. Aber ich traue der Sache nicht, denn Twitter spült mir diese Tweets mit schöner Regelmäßigkeit in die Timeline, obwohl ich die Accounts gar nicht abonniert habe. Deshalb gehe ich mit dem Blockieren auf Nummer sicher.

Also falls ich euch zufällig blockieren sollte, dann habt ihr absolut nichts falsch gemacht. Es liegt allein an mir. Ich mag einfach nicht beschimpft und angeschrieen werden für Dinge, die ich weder getan habe noch jemals tun werde.

Hinter meinem Wunsch, respektiert zu werden, so wie ich nunmal bin, stecken ungute Erfahrungen, die ich vor vielen Jahren in meinem Leben machen musste. Ich möchte weder in der realen noch in der virtuellen Welt auf diese Ebene zurückgeworfen werden.