Einsicht

messe-3

Sogar während meines Besuches auf der Leipziger Buchmesse habe ich versucht, am Roman weiterzuarbeiten.

Ein leises Stimmchen zirpt durch die Wohnung. Weil ich am Text arbeiten will, ignoriere ich es, wie ich es in den vergangenen Jahren schon oft ignoriert habe. Das Stimmchen gehört zu meiner kleinen Tochter. Seit einer knappen halben Stunde liegt sie im Bett. Längst müsste sie schlafen. Noch ein Grund mehr, sie zu ignorieren. Schließlich habe ich ihr auf dem Tablet ein Hörspiel angestellt. Das müsste doch genügen, um sie einschlummern zu lassen.

Ich schreibe weiter an meinem Text. Es ist der zweite Teil meines Urban Fantasy-Romans „Trywwidt“ und er soll, nach zwei Jahren Arbeit, endlich fertig und veröffentlicht werden. Das Zirpen im Hintergrund schlägt in ein verzweifeltes Weinen um. Wütend springe ich vom Schreibtisch auf und renne ins Kinderzimmer, um dem Nerventöter eine Standpauke zu halten. Bevor ich losschimpfen kann, erklärt mir die verzweifelte Kinderstimme, dass ich das Tablet mit dem Hörspiel in ein falsches Zimmer gebracht hätte und sie es deshalb gar nicht hören könne.

Für einen kurzen Moment bleibt die Zeit stehen. Ich sehe ein verzweifeltes Kind vor mir, das weinend im Bett liegt, weil es kein Hörspiel hören kann. Und ich sehe mich selbst, wie ich wie ferngesteuert mit dem iPad in ein völlig anderes Zimmer tappe, ohne es zu merken. Und mir wird wieder bewusst, was ich meinem Umfeld antue, weil ich es mir in den Kopf gesetzt habe, zu schreiben. Weil ich vor etwas mehr als fünf Jahren einfach drauflos geschrieben habe und seit dem nicht mehr aufhören kann.

Diese kleinen Schockmomente häuften sich in den letzten beiden Jahren. Da war der vergessene Kuchen für den Kindergarten, die nicht abgeschickte Terminsache für die Krankenkasse, der LKW im Kreisverkehr, den ich nicht gesehen hatte, weil ich gerade in Gedanken mit Korwin Schwarzvogels Ernährungsproblemen beschäftigt war. Dazu kommen die Arzttermine, die ich seit Jahren vor mir herschiebe, weil ich durch den Arztbesuch einen Schreibtag verlieren würde, mein Rücken, der immer krummer und schiefer wird, weil ich nur noch am Rechner sitze, die Stunden, die ich mir von meinem Schlaf abknapse, der Garten, den ich seit zwei Jahren nicht angelegt habe …

Ich werde in den nächsten Tagen den zweiten Teil meines Trywwidt-Projekts bei Amazon hochladen. Im Moment arbeite ich parallel dazu am Rohentwurf zu einem dritten und letzten Teil. Dieses Buch wird dann auch das allerletzte* Buch sein, das ich schreiben werde.

Das Schreiben fällt mir leicht und es macht mir riesengroßen Spaß, mehr als alles, was ich bisher in meinem Leben getan habe. Und gleichzeitig spüre ich überdeutlich, dass es auch ein Sog ist, der mich zu verschlingen droht, der mich sogar verschlingen müsste, wollte ich jemals in die Lage kommen, so zu schreiben, wie es vielleicht tief in mir drin angelegt ist. Doch dieses Verschlingen hätte einen Preis. Ich müsste mich konsequent von dem abwenden, was das richtige Leben ist. Ich müsste mich einigeln, mich ins stille Kämmerlein verkriechen und alles wegbeißen, was mich vom Schreiben abzuhalten versucht. Um so schreiben zu können, wie ich es vielleicht könnte, müsste ich mein Leben, wie ich es jetzt lebe, hinter mir lassen. Das ist ein Preis, den ich nicht zu zahlen bereit bin. Gleichzeitig macht es mich unzufrieden, auf dem Niveau weiterzuarbeiten, auf dem ich mich im Moment befinde. Dann das innerliche Zerrissen sein, das Abknapsen von Schreibzeit in dem Bewusstsein, dass die Bügelwäscheberge in ungeahnte Höhen wachsen, dass mein Kind mich braucht und dass jemand dringend die Wohnung in einen bewohnbaren Zustand versetzen müsste. Ganz abgesehen vom Job und all dem, was da sonst noch Zeit im Leben braucht.

Wenn ich unter alles einen Strich ziehe, komme ich bei dieser Rechnung auf ein „nicht lösbar“. Deshalb freue ich mich umso mehr auf den dritten Band von „Trywwidt“. Ich werde das Schreiben noch einmal so richtig feiern. Und dann wird es heißen: „Wenn es am Schönsten ist, sollte man aufhören.“

———–

*) Wobei ich danach eventuell noch unter einem absurden Pseudonym einen Gaga-Roman schreiben werde, um mein Pferdeformwandler-Milliardär-Scheich-Trauma zu verarbeiten. Aber nur, wenn ich Zeit dafür finden kann und ich dann immer noch therapiebedürftig sein sollte.

Überdruck

Schokolade

Leider konnte ich keinen Schokoweihnachtsmann zum Fotografieren finden. Deshalb ein Beispielfoto, das inhaltlich absolut nichts mit dem Text zu tun hat. So wie fast überall im Internet.

Na gut. Ich geb’s zu. Ich bin ganz kurz davor, zu platzen. Zwei Zentimeter fehlen noch, dann macht es „Bumm!“ oder „Knall!“ oder was auch immer für ein Geräusch entsteht, wenn jemand aus eigenem Antrieb explodiert. Selbstverständlich ohne technische Hilfsmittel und eigentlich mehr so im übertragenen Sinne.

Mein fragiler Aggregatszustand lässt sich nicht auf die unzähligen Weihnachtsplätzchen und Schokoweihnachtsmänner zurückführen, die ich besser hätte meiden sollen. Es liegt auch nicht an meiner Sportphobie, sondern daran, dass das Manuskript für Trywwidt II nun schon seit etwa Ende Oktober fertig ist und ich darauf warte, dass Testleser und Korrekturleser sich durch die knapp 500 Taschenbuchseiten kämpfen.

Ob es tatsächlich 500 Seiten sind, weiß ich gar nicht so genau. Das Schreibprogramm zählt 370 Seiten, doch das bezieht sich auf meine chaotische Ist-doch-wurscht-Formatierung des Textes, die ich später für das E-Book – und ganz besonders für die gedruckte Ausgabe – noch überarbeiten muss. Erfahrungsgemäß steigt dann die Seitenzahl beängstigend an.

Auf jeden Fall ist der momentane Arbeitsschritt ein Prozess, den ich nicht beeinflussen kann. Das Independent-Projekt kann nur gelingen, wenn Freunde und selbstlose Helfer mit anpacken bzw. sich reinknien oder genauer reinlesen und daran arbeiten, dass sich das Manuskript in einen spannenden Roman verwandelt, möglichst frei von Logik- und Tippfehlern.

Ich muss mich also in Geduld üben. Um den inneren Druck abzumildern, sollte ich vielleicht den Gürtel nicht so eng schnallen – auch wegen der Schokoweih… Stopp! Das ist jetzt gar nicht das Thema. Auf jeden Fall muss ich mir etwas Nervenschonendes einfallen lassen, um den Überdruck ein klein wenig abzulassen, der aus dem zermürbenden Ich-kann-im-Moment-nichts-für-mein-Manuskript-machen-Gefühl entsteht. Ich hab da auch schon eine Idee! Ich werde die nächsten Tage alle halbe Stunde die Grafikerin anrufen und fragen, wie weit sie mit dem Buchcover ist. So übertrage ich meinen Druck auf jemand anderen. Und für die letzten Schokoweihnachtsmänner gäbe es dann noch genügend Platz, ohne dass ich Gefahr laufe, zu platzen.

0

Facebook – Ich hole mir mein Leben zurück!

Bildschirmfoto 2015-10-19 um 22.11.10Irgendwann im Jahr 2009 ist mir Facebook passiert, ausgelöst durch einen Bekannten aus den USA. Er schickte immer wieder mal eine Mail mit einem Link zum Netzwerk. „Aha. Der sucht wohl eine Freundin“, war meine Reaktion darauf, weil ich es für eine Datingplattform hielt. Bis mir irgendwann klar wurde, dass Facebook sozusagen das neue Myspace war. „Also, was soll‘s“, dachte ich, „melde ich mich da mal an.“
Anfangs machte es Spaß. Ein guter Ort, um Kontakte zu Bekannten aufrechtzuerhalten, die weit entfernt wohnten. Mal hier ein Foto, mal da eine witzige Bemerkung oder ein spannender Zeitungsartikel. Es regte auch an, selbst kreativ zu werden. So entstanden zum Beispiel meine Cartoons, die „schrägen Biester“, aus der Laune heraus, was Eigenes durchs Netz zu schicken, anstatt raubkopierte Witzebilder zu teilen.
Später dann, als ich in die Selfpublisherei reinrutschte, wurde Facebook zu meinem virtuellen Schreibbüro. Ich vernetzte mich mit anderen Autoren und trat in fachlichen Austausch. Gleichzeitig wurde Facebook für mich zur wichtigsten und genau genommen auch einzigen Möglichkeit, meine E-Books zu bewerben.
Doch wie bei allen Dingen hat auch Facebook – zumindest für mich – zwei Seiten. Immer öfter beobachtete ich mich dabei, dass ich bis spät in die Nacht vor dem Monitor saß und auf den Datenstrom glotzte, den Facebook mir auf die Timeline schickte. Oft waren das Beiträge, die ich schon kannte, hatte ich doch auch tagsüber ständig vor dem Monitor gehockt und geglotzt, obwohl ich doch schreiben oder wenigstens die Wäscheberge wegbügeln wollte. Abends las ich keine Bücher mehr oder schaute irgendeinen Film im TV. Ich saß vor dem Monitor und starrte mit brennenden Augen in das Netzwerk. Zwischendurch arbeitete ich natürlich an meinen Texten und ich redete mir ein, dass Facebook ja im Grunde mein Büro wäre, mein Kontakt zu anderen Kreativen. Trotzdem wandelte ich meine Schreibzeit immer mehr in reine Facebookzeit um: zehn Minuten Text überarbeiten, zwanzig Minuten glotzen und ab und zu was kommentieren und schon waren aus den zwanzig Minuten fünfundvierzig geworden.
Sobald ich meinen Arbeitsplatz verließ, um auch mal im richtigen Leben aktiv zu werden, juckte es spätestens nach einer Viertelstunde in den Fingern und ich musste – nur mal ganz kurz – nachschauen, ob es denn nicht was Neues bei Facebook gab. Das „ganz kurz“ dauerte dann meistens eine halbe Stunde oder länger.
Nach einem für mich sehr unangenehmen Vorfall, der mich noch tagelang danach beschäftigte – keine große Sache, nur eines der vielen Missverständnisse, die ohne die für Facebook typische Art der Kommunikation niemals so vorgekommen wären – hat es bei mir endgültig „Klick“ gemacht. Mir ist bewusst geworden, was ich mir mit Facebook eigentlich alles antue.
Dank Facebook verfange ich mich immer wieder in zeitraubenden Diskussionen und rege mich über Dinge auf, die für mich im realen Leben keine Rolle spielen. Zudem spüre ich mehr als deutlich, wie ich mich durch Meinungsmacher beeinflussen lasse, die im Netzwerk ihre ganz eigenen politischen Zwecke verfolgen. Meinungsmacher, die immer latent präsent sind, auch wenn ich versuche, meine Facebook-Blase gegen solche Gedankenwelten abzuschotten.
Und das Schlimmste von allem, ich lasse mir seit Jahren jeden Tag mehrere Stunden meiner knappen Lebenszeit rauben, in dem es mir immer weniger gelingt, den Facebook-Konsum wirklich nur auf das Wichtigste zu beschränken, nämlich auf den Kontakt zu Freunden, zu anderen kreativen Menschen und zu meinen Lesern.
Da ich mich aus beruflichen Gründen nicht konsequent von diesem Netzwerk trennen kann, versuche ich es jetzt auf pädagogische Weise. Im Grunde ist es so etwas Ähnliches wie „schwarze Pädagogik“: ein vollautomatisches, zeitlich begrenztes Facebook-Verbot für mich selbst.
Meinen Browser habe ich so eingestellt, dass ich jeden Tag nur ganz kurz bei Facebook reinschauen kann. Über den Rest des Tages ist das Netzwerk für mich blockiert.
Jetzt hoffe ich, dass meine Erziehungsmaßnahmen fruchten und ich wieder mehr Zeit zum Lesen, Bügeln und zum Leben habe. Und mit viel Glück schaffe ich es vielleicht noch in diesem Jahr, den Fortsetzungsroman zu „Trywwidt“ zu veröffentlichen.
Aber vorher muss ich noch ganz schnell bei Facebook diesen Blogartikel teilen. Und dann kann ich ja gleich mal schauen, was inzwischen in der einen Gruppe gepostet wurde und wenn ich schon mal dabei bin, dann … Ach Mensch. Aber ich bekomme es in den Griff. Ganz bestimmt. Irgendwann.