Script für einen Endzeitclip – mit Datenbrille

Achtung! Dieser Text enthält drastische Beschreibungen realer Gewalt. Deshalb nur lesen, wenn man das wirklich lesen will.

vogelschädelSchnitt 1: In Zuckungen sterbende Kinder auf einem LKW in Syrien. Draufgeworfen wie Abfall, der entsorgt werden muss. In den Facebook-Kommentaren Solidaritätsbekundungen für den Diktator, der das Sterben allein schon durch sein stures Klammern an die Macht zu verantworten hat. Der Mann ist ein Engel! Ein Held! Das weiß doch jeder. Nur die Lügenpresse nicht. Und die todgeweihten Kinder auf dem Menschenabfallhaufen, denen niemand beim Sterben die Hand hält, die wissen das auch nicht.

Schnitt 2: Marode Boote, die über das Mittelmeer schlingern. Verzweifelte Menschen. Ausgeraubt. Ertrinkend. Oder im letzten Moment gerettet, von ebenso Verzweifelten, die nicht so viel Hilfe geben können, wie nötig wäre. In Facebook-Kommentaren Hassbotschaften an die Retter, Schlepperbanden gleichgestellt, als verursachte ihre Hilfe den Flüchtlingsstrom. – Hey, Gutmensch! Hast du ein Problem oder was?

Schnitt 3: Die meisten unserer Vögel sind tot – Tendenz steigend. Genauso wie der größte Teil der Bienen, Hummeln, Schmetterlinge, … da wir immer effektivere Gifte auf die leer gefegte Landschaft kippen. Ackerland, das Konzerne den Bauern direkt unter dem Trecker weg abkaufen, um noch mehr aus der Scholle rauszuquetschen. Und dann sind da noch die Fangnetze. Todesstreifen für Vögel irgendwo im Süden – Tendenz steigend. – Scheißegal! Oder hast du was gegen Arbeitsplätze?

Schnitt 3: Der Orang-Utan im Kochtopf. Daneben die voller Stolz grinsenden Arbeiter der Palmölplantage. Auch das gekochte Affengesicht grinst mich aus dem Topf an. Und ich stopfe mir die nachgemachte Salami aus 100% Geflügelfleisch mit Palmfettstückchen drin in den Mund. Lecker! Auch die Babynahrung ist voller Palmöl, die Schokolade, … Das Zeug soll krebserregend sein. – Scheißegal! Friss es! So viel wie möglich! Oder hast du was gegen Arbeitsplätze?

Schnitt 4: Eine Plastikflut schwappt durch die Weltmeere. Die Fische sind voll mit dem Zeug. – Lecker Fisch! Hast du Bedenken? Scheißegal! Friss es! Und hier: Kauf noch zwanzig weitere von den vierfach verpackten Keine-Ahnung-wozu-die-gut-sein-sollen-High-Tech-Dingern! Wenn du sie nicht brauchst, schmeiß sie weg. Oder hast du was gegen Arbeitsplätze?

Schnitt 5: Eine Hungersnot, die Millionen in Afrika bedroht. Und schon wieder Hasskommentare bei Facebook: Die sollen gefälligst nicht so viele Kinder machen!

Ausklang: Und irgendwer meinte, das Smartphone sei längst tot. Jetzt kommen die Datenbrillen. Wie praktisch! Ich kauf mir so ein Teil, setze es auf und stelle mir die Welt so ein, wie ich sie sehen will. Mit unbeschwert spielenden Kindern, egal in welchem Land, mit freundlich winkenden Diktatoren am Rande atemberaubender Militärparaden, mit Schmetterlingen, die durch die Luft schweben und Zwitschervögeln. Im glasklaren Meereswasser tanzen die Fische an Booten vorbei, die gemütlich über ein spiegelglattes Meer schippern. Und im Baum sitzt ein grinsender Orang-Utan, bei dem ich gar nicht sehe, dass er gehäutet und gekocht ist, da ich die Datenbrille so justiert habe, dass lästige Details einfach wegfallen, um mich nicht zu überfordern.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.