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Gedanken zum Wildwest-Verhalten im Internet

Als ich Anfang April 2017 meinen zweiten Roman bei Amazon als E-Book in den Webshop stellte, war ich mit meinen Kräften am Ende. Ich hatte mit Unterbrechungen seit August 2015 an dem Text geschrieben. In jeder freien Minute tauchte ich in Trywwidts und Korwins Welt ein, und gleichzeitig stahl ich mich aus der realen Welt, in der ich leben und funktionieren musste. Ein Balanceakt, der mich viele Nerven kostete. Trotzdem war ich überglücklich, es zusammen mit der Hilfe von Freunden geschafft zu haben, das Urban Fantasy-Abenteuer fortzuschreiben und zu veröffentlichen. Es war wie nach einer Geburt. Die totale Erschöpfung und gleichzeitig Adrenalin pur, das einen nicht zur Ruhe kommen lässt.

Der Schlag ins Gesicht traf mich gleich am nächsten Tag. Schon wenige Stunden nach der Veröffentlichung tauchte das E-Book auf der Piratenplattform lul.to auf. Dort wurde es für 15 Cent verschachert. Genau wie der erste Teil von „Trywwidt“.

Auch wenn mir klar war, dass das Phänomen der Buchpiraten kein neues ist und ich nicht als Einzige betroffen war, musste ich damals schlucken. Ich klickte mich durch die Plattform, um mit den Buchpiraten Kontakt aufzunehmen. Vergeblich. Meine jahrelange Arbeit war Kriminellen zum Opfer gefallen und ich konnte nichts machen. Ende Juni 2017 geschah dann das, womit ich und viele andere Autoren nicht gerechnet hatten: Die Betreiber der Plattform lul.to flogen auf und die Webseite wurde vom Netz genommen.

Aufgrund der Natur des Internets fürchte ich, ist es nur ein Etappensieg, der bald verwischen wird. Es gibt immer noch unzählige Möglichkeiten, E-Books – so wie alle anderen digitalen Werke – gegen den Willen der Urheber im Netz zu verteilen und damit Geschäfte zu machen.

Erstaunlich finde ich in diesem Zusammenhang, dass so etwas Harmloses wie Fantasygeschichten oder vielleicht auch so etwas Kulturvolles wie Literatur an sich, mit einem Mal zum Spielball Krimineller wird. So wird beispielsweise im Zusammenhang mit Amazons E-Book-Flatrate immer wieder von Klickfarmen gemunkelt. Es scheinen gut organisierte Strukturen dafür zu sorgen, dass so manches E-Book plötzlich in die Charts schießt und seinem Urheber aberwitzige Summen einbringt. Selbst wenn dessen Inhalt kaum ahnen lässt, dass sich unglaublich viele Leser auf einen Schlag dafür interessieren. Obwohl solche Fälle an Amazon gemeldet werden, handelt der Shop nur zögerlich oder gar nicht.

Es ist schon eine seltsame Welt, in der Kultur zu einer Art Goldmine für Glücksritter wird, und sich kriminelle Strukturen bilden, deren Wirken schon jetzt hoch effizient und recht einträglich ist, obwohl diese Entwicklung gerade erst begonnen hat.

Bezeichnend für diese Welt sind in meinen Augen auch die Kommentare derjenigen Leser, die sich Bücher illegal von Piratenplattformen herunterladen. Nach dem Lesen eines ganzen Schwungs solcher Kommentare ist mir bewusst geworden, dass diese Leute Kreativarbeitern mit einer ungekannten Verachtung entgegen treten. Sie scheinen es nicht zu verstehen, dass Bücherschreiben – oder auch Musikmachen, Fotografieren, Malen usw. – eine kräftezehrende Arbeit ist, für deren Erfolg die Künstler, Autoren, Musiker, Hörbuchproduzenten nicht nur Lebenszeit investieren, sondern auch eine Menge Geld. So wie jeder Unternehmer oder Freiberufler seine Betriebskosten hat. Egal ob er Brötchen verkauft oder eben E-Books. Neben der Tatsache, dass solche Leser die Autoren bestehlen, verhöhnen sie diese auch noch. Nach der Lektüre der Kommentare keimt in mir der Verdacht, dass sie durch die illegalen Downloads nicht nur Geld sparen wollen. Es scheint ihnen zudem eine Chance zu bieten, Kreativarbeiter dafür abzustrafen, weil sie es wagen über das Hamsterrad des grauen Alltags hinaus, ihre eigenen Ideen und Projekte zu verwirklichen.

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Weiterführende Links, …

… die ich nicht richtig verlinke, da meines Wissens seit kurzem Webseiteninhaber für die Inhalte auf verlinkten Seiten haften müssen.

Gesperrte Piratenplattform:

https://lul.to/

Diskussion mit Lesern, die E-Books illegal downloaden

tarnkappe.info/nach-der-schliessung-von-lul-to-selbstpublisher-erstatten-strafanzeige-gegen-die-nutzer/

E-Book-Betrügereien auf Amazon:

http://www.sueddeutsche.de/digital/internet-kolumne-netznachrichten-1.2984229

Und hier etwas aktueller auf Englisch aus Autorensicht samt Verdachtsfall: https://davidgaughran.wordpress.com/2017/07/15/scammers-break-the-kindle-store/

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Ein kleiner Meilenstein

schmetterling-2Nachdem es in den vergangenen Monaten so aussah, als könnte ich mir das Schreiben auf längere Sicht abschminken, gab es in den letzten drei Wochen einen Schub nach vorne. Ich habe einfach meinen Jahresurlaub genutzt, um durchzuschreiben.

Wandern, im See baden und was man sonst noch so alles macht, wenn man ins Grüne fährt, habe ich weitestgehend geknickt und jede Minute genutzt, um mein altersschwaches Laptop zu quälen, an dem andauernd die „E“-Taste abfällt. Mit dem erstaunlichen Erfolg, dass ich mich nach dem Urlaub noch kaputter fühle als vorher und – was noch viel wichtiger ist – dass ich den Rohentwurf für Trywwidt III fertig auf dem Rechner habe. Ach ja und die „E“-Taste ist auch viel kaputter als vorher.

Ich hoffe, in der Geschichte um die Elfe „Trywwidt“ endlich alle offenen Fädchen verknüpft und vernäht zu haben. Jetzt heißt es wieder warten und auf das nächste Zeitfenster hoffen. Dann kann ich mit der Überarbeitung loslegen.

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Im Sog des Strudels

wegEin Strudel hat sich unter meinen Füßen aufgetan. Er saugt und zerrt an mir. Nicht wirklich an mir persönlich, sondern an dem, was die Autorin Klara Bellis ausmacht. Oder ausgemacht hat? Der Strudel dreht sich schneller und schneller. Seine Kraft wächst und mit jeder Umdrehung reist er Fetzen von „Klara Bellis“ mit sich, zerfetzt er die seltsame Web 2.0-Identität, die an mir klebt wie eine falsche zweite Haut. Er saugt sie Schnipselchen für Schnipselchen von mir herunter. Mir fehlt die Kraft, die Schnipsel aufzufangen, da ich alle Kraft brauche, um mich selbst festzuhalten, um nicht vom Alltag fortgerissen zu werden.

Dennoch muss ich sie festhalten, die Schnipsel einer trügerischen Hoffnung, denn wenn sie alle abgefetzt sind, bleibt nichts weiter von mir übrig als eine Bügelwäschebändigerin, eine Spülmaschinenbestückerin und eine Servicekraft für das Katzenklo. Eine eigenschaftslose Menschmaschine. Austauschbar und stumm.

Im Moment wachsen die Zweifel über den Mut, den ich für das Schreiben brauche, um mir die Erlaubnis zu erteilen, die Zeit von den wichtigen Dingen im Leben zu stehlen und diese in Form von Buchstaben, Wörtern und Sätzen zu konservieren. Trotzdem bleibe ich dran am Trywwidt-Projekt. Irgendwie und irgendwann schaffe ich das schon. Vielleicht.

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Script für einen Endzeitclip – mit Datenbrille

Achtung! Dieser Text enthält drastische Beschreibungen realer Gewalt. Deshalb nur lesen, wenn man das wirklich lesen will.

vogelschädelSchnitt 1: In Zuckungen sterbende Kinder auf einem LKW in Syrien. Draufgeworfen wie Abfall, der entsorgt werden muss. In den Facebook-Kommentaren Solidaritätsbekundungen für den Diktator, der das Sterben allein schon durch sein stures Klammern an die Macht zu verantworten hat. Der Mann ist ein Engel! Ein Held! Das weiß doch jeder. Nur die Lügenpresse nicht. Und die todgeweihten Kinder auf dem Menschenabfallhaufen, denen niemand beim Sterben die Hand hält, die wissen das auch nicht.

Schnitt 2: Marode Boote, die über das Mittelmeer schlingern. Verzweifelte Menschen. Ausgeraubt. Ertrinkend. Oder im letzten Moment gerettet, von ebenso Verzweifelten, die nicht so viel Hilfe geben können, wie nötig wäre. In Facebook-Kommentaren Hassbotschaften an die Retter, Schlepperbanden gleichgestellt, als verursachte ihre Hilfe den Flüchtlingsstrom. – Hey, Gutmensch! Hast du ein Problem oder was?

Schnitt 3: Die meisten unserer Vögel sind tot – Tendenz steigend. Genauso wie der größte Teil der Bienen, Hummeln, Schmetterlinge, … da wir immer effektivere Gifte auf die leer gefegte Landschaft kippen. Ackerland, das Konzerne den Bauern direkt unter dem Trecker weg abkaufen, um noch mehr aus der Scholle rauszuquetschen. Und dann sind da noch die Fangnetze. Todesstreifen für Vögel irgendwo im Süden – Tendenz steigend. – Scheißegal! Oder hast du was gegen Arbeitsplätze?

Schnitt 3: Der Orang-Utan im Kochtopf. Daneben die voller Stolz grinsenden Arbeiter der Palmölplantage. Auch das gekochte Affengesicht grinst mich aus dem Topf an. Und ich stopfe mir die nachgemachte Salami aus 100% Geflügelfleisch mit Palmfettstückchen drin in den Mund. Lecker! Auch die Babynahrung ist voller Palmöl, die Schokolade, … Das Zeug soll krebserregend sein. – Scheißegal! Friss es! So viel wie möglich! Oder hast du was gegen Arbeitsplätze?

Schnitt 4: Eine Plastikflut schwappt durch die Weltmeere. Die Fische sind voll mit dem Zeug. – Lecker Fisch! Hast du Bedenken? Scheißegal! Friss es! Und hier: Kauf noch zwanzig weitere von den vierfach verpackten Keine-Ahnung-wozu-die-gut-sein-sollen-High-Tech-Dingern! Wenn du sie nicht brauchst, schmeiß sie weg. Oder hast du was gegen Arbeitsplätze?

Schnitt 5: Eine Hungersnot, die Millionen in Afrika bedroht. Und schon wieder Hasskommentare bei Facebook: Die sollen gefälligst nicht so viele Kinder machen!

Ausklang: Und irgendwer meinte, das Smartphone sei längst tot. Jetzt kommen die Datenbrillen. Wie praktisch! Ich kauf mir so ein Teil, setze es auf und stelle mir die Welt so ein, wie ich sie sehen will. Mit unbeschwert spielenden Kindern, egal in welchem Land, mit freundlich winkenden Diktatoren am Rande atemberaubender Militärparaden, mit Schmetterlingen, die durch die Luft schweben und Zwitschervögeln. Im glasklaren Meereswasser tanzen die Fische an Booten vorbei, die gemütlich über ein spiegelglattes Meer schippern. Und im Baum sitzt ein grinsender Orang-Utan, bei dem ich gar nicht sehe, dass er gehäutet und gekocht ist, da ich die Datenbrille so justiert habe, dass lästige Details einfach wegfallen, um mich nicht zu überfordern.

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Der Riss im Alltagsgrau

abrisshaus-3Meine Protagonisten leben nicht in den USA. Irland kennen sie nur von der Landkarte. Ebenso Schottland. Ich glaube, Ira war mal in London zu einem Kurzurlaub. Sie hat aber nie groß darüber gesprochen, da sie meistens andere Dinge beschäftigen als ihre Urlaube von vor drei Jahren. Dass Trywwidt für ein paar Stunden in Neuseeland vorbeigeschaut hat, hat sie durch ihre wilde Portalöffnerei vermutlich gar nicht mitbekommen. Und Korwin, nun ja, der ist eh ein Sonderfall, da er sich am liebsten in einem seiner Häuser verkriecht, möglichst nicht allzu weit weg von dem Ort, an dem er vor 800 Jahren zu einem Vampir gewandelt wurde. Mit solchen Protagonisten ist es schwer, einen Roman an besonders exotischen Orten spielen zu lassen. Sie leben einfach da, wo die meisten meiner Leser vermutlich auch leben. Irgendwo in Deutschland, in irgendeiner Stadt, die wie jede andere ist. Bis auf Trywwidt, die ja nur zu Besuch vorbei kommt und nebenbei Ira und Korwin versehentlich in Lebensgefahr bringt. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Meine Geschichten spielen ganz bewusst an Orten, die ich selbst nachvollziehen kann, in denen ich mich heimisch fühle, die dem Rahmen entsprechen, der auch meinen persönlichen Alltag umfasst. Und dieser Alltag ist meist vorhersehbar und eintönig. Da gibt es im Grunde überhaupt nichts Spannendes oder Fantastisches oder Gefährliches. Letzteres finde ich sogar ganz gut und hoffe, dass das auch weiterhin so bleibt. Und genau das birgt für mich den Reiz des Schreibens von Urban Fantasy: in genau diesen stinknormalen Alltag stinknormaler Leute einen Riss aufklaffen zu lassen, durch den das Fantastische sickert. Das bunte Chaos, das den grauen Alltag der Protagonisten durcheinanderwirbelt und auf den Kopf stellt. Ein Schuss Fantasie, der die Grenzen des Vorstellbaren sprengt.

Sollte es mich selbst in meinem ganz persönlichen, stinknormalen Leben für längere Zeit in die USA, nach Neuseeland oder Irland verschlagen, dann wäre es sehr wahrscheinlich, dass auch meine Geschichten dort spielen würden. Doch bis dahin versuche ich den Alltag, so wie ich ihn kenne, mit einer Prise Fantasie zu würzen und aus einer tristen deutschen Stadt einen Ort zu zaubern, an dem Vampire und Elfen ihre Abenteuer bestehen.
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abrisshaus-2Dieser Blogbeitrag entstand nach einer Diskussion unter Autoren, in der es darum ging, dass Verlage wohl gern Vorgaben machen würden, dass Romane irgendwo in den USA oder an anderen Orten zu spielen haben, bloß nicht in Deutschland. Leser würden das wohl bevorzugen. Wenn ich von mir selbst als Leserin, die ich ja auch bin, ausgehe, ist es mir vollkommen egal, wo die Romane spielen. Hauptsache, sie sind gut geschrieben und die Geschichte kann mich fesseln.